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Dichtertreffen
Das wird doch kein Zufall sein!“ Scharfsinnig wie immer, sagte mir das
der kleine Professor ins Gesicht. Hätte ich es leugnen sollen und
können? Statt einer Antwort lachte ich nur verlegen. Lichtenberg
lachte mit und gab mir einen freundlich anerkennend gemeinten Schlag in
die Seite. „Ich möchte nicht an dem dicken Herrn dort vorbeigehen.
Bringen Sie mir doch unauffällig von da drüben eine
Champagnerflasche her; ein Glas habe ich schon!“ Ich schlenderte
grüßend an Herrn de Balzac vorbei zu dem langen Tisch an der
Fensterseite, nahm wie selbstverständlich eine der bauchigen
Flaschen mit dem goldenen Etikett und legte noch einige Häppchen
mit Räucherfisch und Käse auf einen Teller. Lichtenberg war
erfreut. Und ich hatte einen kompetenten Gesprächspartner.
Es war natürlich kein Zufall, dass ich die wesentlich
berühmteren Kollegen in diesem stillen und noch nicht sehr
bekannten Seebad aufgestöbert hatte. Das war in dem halben Jahr,
als ich mal hautnah mitbekommen wollte, wie Dichter aus der Nähe
zu erleben sind. Ich hatte einem bekannten Verleger angeboten, für
ihn den Sommer über als Sonderkorrespondent tätig zu werden.
Er fragte meine Interessen und Erfahrungen ab und schickte mich nach
Einsätzen in London, Florenz und Lissabon hierhin an die
Küste.
Wie fast regelmäßig hatte ihm Goethes finanziell darbender
Eckermann über die Flugpost der Brieftaube Dora außer zwei
stark verkleinerten Abschriften von Briefen an seinen Herrn diesen Tipp
gegeben. Das Treffen sollte auf keinen Fall bekannt werden.
Die Dichterkollegen waren mit ihren Damen beschäftigt. Ich sah
sofort, dass viele sich so um die Frauen bemühten, wie sie es nie
mit ihren Angetrauten getan hätten, eher mit ihren Mätressen.
Ich aktualisiere: zwei Frauen waren echte Kolleginnen; später sah
ich noch eine dritte: von zweien kannte ich ihre Porträts aus den
Zeitungen. Übrigens lagen hier überall reichlich deutsche,
englische und französische Zeitungen herum. Sie lagen unter und
über den Büchern, die die Autoren üblicherweise als
Zeugnisse ihrer Bedeutung mitgebracht hatten, manche so viele, wie sie
in ihren Reisetaschen tragen konnten. Einige Bücher wurden sogar
von einigen durchblättert, nur wenige verschwanden.
„Die Kollegen muss ich Ihnen nicht vorstellen, nicht wahr? Und die
für mich viel interessanteren Frauen kenne ich selbst noch nicht.
Sind Sie allein?“ Ich sah den als trinkfreudig bekannten,
kleinwüchsigen Gelehrten verunsichert den Kopf wiegend an und er
erriet meine Antwort. „Ich verstehe“, sagte er kauend, „Sie beide
berichten für eine Zeitschrift.“
Ich schämte mich nicht mehr für die Übernahme dieser
Auftragsarbeit. Seine Augen suchten die schäkernden Paare ab und
blieben an Simone hängen, die sich gerade von Schiller in ihr
wirklich sehenswert gestaltetes Dekolletee blicken ließ, ihn
dabei selbstverständlich mit einem scheinbar empörten Schlag
auf die Finger strafte. Aber der erfahrene Frauenheld hatte offenbar
angebissen. Auf eine Gesellschaftgeschichten-Jägerin war er aber
wohl nicht vorbereitet.
Nüchtern schien hier keiner mehr zu sein. „Sie könnten mir
noch einen Gefallen tun, Herr Kollege!“ Lichtenberg wies mit einer
Kopfbewegung zu einer Gruppe, die an einem weißen Kachelofen
stand. „Sehen Sie die Dame in dem gelben Kleid mit dem atemberaubenden
Ausschnitt? Sie plaudert mit einigen anderen. Machen Sie uns bekannt,
bitte!“
Wieder erriet er meine Gedanken. „Ja, sie ist bald zweieinviertel
Köpfe größer als ich, aber das kann ich nicht
ändern. Die einzige Dame in meiner Größe, Charlotte
Bronte aus England, die mit einer Freundin hergekommen war, ist nach
wenigen Minuten empört über die von ihr so gesehene
Zuchtlosigkeit der Literaten wieder umgekehrt. Ich konnte sie mit
meinem ganzen Charme nicht umstimmen. Versuchen Sie bitte, die Dame in
Gelb herzulocken!“
Ich leerte mein Glas und schlenderte durch den Saal. „Guten Nachmittag,
Herr von Fallersleben!“ rief mir ein mir unbekannter bärtiger
Wichtigtuer zu; ich zeigte ihm, dass ich mich nicht angesprochen
fühlte. Dem rauschebärtigem Professor werde ich doch wohl
nicht ähnlich sehen!
Ich holte mir wieder eine Champagnerflasche vom Tisch und bot der
Gruppe um die Dame in Gelb an, ihre Gläser nachzuschenken. Goethe
nahm mir danach die Flasche aus der Hand: „Lassen Sie die gleich hier!
Wir brauchen sie noch.“ Alle lachten, ich lächelte verunsichert.
Er fügte noch hinzu: „Nein, nicht Sie! Lassen Sie sich nicht
aufhalten!“ Wieder lachten alle. Empfindlich darf man bei dem Weimarer
nicht sein.
Es gelang mir, die Dame in Gelb etwas zur Seite zu locken: „Es geht
leider nicht um mich, meine Dame, weil ich eine Gefälligkeit
versprochen habe: Unser Gastgeber, der berühmte Physiker und Autor
Lichtenberg, meint Sie irgendwoher zu kennen. Er würde Sie zu
gerne diskret begrüßen.“
Sie sah mich erstaunt an, blickte zu dem kleinen Gelehrten hinüber
und sagte dann: „Gern, aber wir kennen uns doch schon länger.
Professor Lichtenberg war einige Abende Gast bei meinen Eltern.
Vielleicht hat er nicht sehr auf mich geachtet. Kommen Sie…“
Lichtenberg kam uns ein paar Schritte entgegen und küsste der
jungen Dame beide Hände. Er strahlte. Ich überließ die
Dame seinen Zauberkünsten und sah Simone nach, die sich gerade
scheinbar sträubend von Schiller in den Garten ziehen ließ.
Simone zwinkerte mir zu.
Obwohl Lichtenberg von der neuen und vielleicht alten Bekanntschaft
abgelenkt war, hat er das Zwinkern, wie er mir mit einer Kopfbewegung
zeigte, mitbekommen.
Goethe hielt eine Rede, wie immer. Nur die fünf oder sechs Leute
in seiner unmittelbaren Umgebung wollten ihm zuhören. Mich
wunderte das nicht, denn der Großmeister hatte gerade eine
schlechte Presse, bei der es hauptsächlich um seine
fragwürdig gewordene moralische Kompetenz ging.
Kürzlich war noch einmal diskutiert worden, dass er seinen Herzog
vor Jahren beim Koalitionskrieg gegen Frankreich begleitet und nach der
berühmt gewordenen „Kanonade von Valmy“ eine international stark
beachtete Aufmunterungsrede gehalten haben soll. Den demoralisierten,
hungrigen, vielfach auch verwundeten, aber noch nicht versorgten und
noch im Dreck liegenden Soldaten hatte er weismachen wollen, sie
hätten in dem für so viele todbringendem Feuersturm einmalig
„Historisches“ erlebt.
Ob es so war, hat kein anderer bezeugt, aber er hatte ihnen nach seiner
eigenen Darstellung zugerufen: „Von hier und heute geht eine neue
Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei
gewesen.“
Bei all seinen Verdiensten und trotz meiner Bewunderung für sein
beispielloses literarisches Schaffen und für sein bisher schon
sehr beachtliches Lebenswerk: Für mich war diese propagandistische
Leistung eine dreiste Volksverdummung. Er hat sie ja nicht etwa als
leicht überschäumender Jüngling verzapft, sondern als
gestandener und nebenbei erfolgreich dichtender Staatsmann auf der
Höhe seiner erstaunlichen politischen Karriere. Nicht zuletzt fand
ich ihn heute Nachmittag ziemlich abstoßend.
Die anderen Männer verzogen sich mit ihren augenblicklichen
Begleiterinnen. Auf der Terrasse spielten die Musiker etwas
Leidenschaftliches. Ich stolperte über einen sicher versehentlich
vorgeschnellten Damenfuß. Dieses Missgeschick hat mir danach drei
hochinteressante Nachmittagsstunden beschert.
Rahel kannte fast alle hier im Saal und wusste unendlich viel
Hintergründiges, was für mich spannend und aufschreibenswert
war. Diese kleine und äußerlich wenig hermachende,
hochintelligente Frau hat mich stark inspiriert.
Wir sind nach oben in eins der vielen Gastzimmer gegangen, weil es mir
unten für ein intensives Gespräch zu laut war. Ihre Schultern
waren schmerzhaft verspannt; sie hat meine Rückenmassage dankbar
genossen und mich unaufgefordert wundervoll und unmateriell dafür
belohnt. Ihre Berichte haben mich sehr gefesselt, diese Frau
überhaupt. Ich habe mir viele Notizen gemacht und etliches
dazugelernt...
Als wir wieder herunter kamen, wurde Klopstock auf uns aufmerksam; er
verwechselte mich mit einem dänischen Hofbeamten. Schon die zweite
Verwechslung heute. Für Rahel interessierte er sich nicht, selber
schuld! Ohne den selbst umherschwankenden Dostojewskij wären wir
ihn noch schwerer losgeworden.
Der penetrant hochmoralische Klopstock war sturzbesoffen, wurde in
dieser Verfassung aber vielen immer sympathischer. Die Russen lachten
Tränen über die Mitteleuropäer, die so wenig Wein
vertragen, obwohl er bei ihnen so reichlich wächst.
Puschkin war in bester Stimmung; Lichtenberg und Bürger hatten ihn
als Förderer des ganzen Dichtertreffens gewonnen, diese
Sponsoren-Rolle gefiel ihm sichtlich. Der schwarzlockige Puschkin wurde
von allen Damen mehrmals geküsst, immer sechs Mal; sie zogen ihn
an seinem gepflegten Backenbart zu ihren Gesichtern und versanken in
lange Küsse, sicher nicht nur, weil er an diesem 6. Juni gerade
dreißig Jahre alt geworden war. Das wurde ein beliebtes Spiel.
Mehrere Frauen entführten ihn für einige Zeit nach oben; er
war überglücklich und strahlte uns alle an. Edgar Allan Poe
las ihm aus der Hand, log aber offensichtlich über das düster
Vorausgesehene. Puschkin blieb dann lange bei Rahel.
Alle wunderten sich, dass die als Ehrengast viel gefeierte
göttliche Sappho, obwohl die meisten sie sich attraktiver
vorgestellt hatten, ausgerechnet den als Dichter wenig angesehenen
schwäbischen Rebellen Schubart favorisierte – bis ihr
Mallarmés graue Augen über dem starken Schnurrbart doch
größeren Eindruck machten. Ihre erotische Ausstrahlung und
ihre Wirkung auf uns Männer waren enorm.
Von Sappho hörte ich die mir einleuchtende Frage: „Warum habt ihr
nur eure Dichterinnen unterdrückt?“ Voltaire gab eine schnelle und
erkennbar falsche Antwort: „Wir haben sie totgeliebt, Madame!“
Sappho sah meinem Gesicht meine Empfindung an und hörte mein
missbilligendes Knurren. Sie küsste mich auf die Wange und sagte:
„Lasst meine Frage noch in euch nachwirken. Es ist an der Zeit…“
Darüber gab es dann einen wortgewaltigen Disput, der sich bis in
das über zweistündige und weinreiche Abendessen hinzog. Lord
Byron, der sich selbst zum Leithammel ernannt hatte (wir hatten damals
noch kein treffenderes Wort für so einen), schlug für den
späten Abend vor, dass einige ihre eigenen Liebesgedichte
vortragen sollten.
Vierzehn Dichter meldeten sich als Interessenten für diese
Selbstdarstellungen an, darunter auch Sappho und der irgendwie
verstört wirkende Brentano, der mich beharrlich für sein
überlanges neues Märchen interessieren wollte – ich sollte es
meinem Verleger empfehlen. Das habe ich dem geübten Schmeichler
auch zugesagt.
Einige schlugen für die Lesung eine Zeitbegrenzung auf zehn
Minuten vor, aber der erfahrene Wieland sagte voraus, dass sich die
meisten sicher eine längere Zeit nehmen würden – und dann
hätten die letzten sechs oder sieben nur noch ein erschöpftes
Publikum. „Also gut, losen wir die Reihenfolge aus“, schlug Lope de
Vega vor und wischte Dutzende Zeitungen und Bücher achtlos vom
Tisch, weil er sein Weinglas sicherer abstellen wollte. Aber seinen
Vorschlag fanden Goethe und Cervantes „unwürdig“, denn sie wollten
auf alle Fälle zu den Ersten gehören. Gleim wollte
vermitteln, wurde aber von Simon Dach unterbrochen, der unbedingt zu
einen Anfang mit Sappho riet .
Goethe nannte es jetzt „klüger“, wenn sie den Schluss bilden
würde, dann würden sicher alle bis zum Ende bleiben wollen.
Die auf mich bis dahin etwas schwermütig wirkende junge Elizabeth
Barrett sprang auf und protestierte gegen diese fadenscheinige
Gemeinheit. Rahel sah ich in einem lebhaften Gespräch mit
Puschkin, der deutlich Feuer gefangen hatte.
In diesen Augenblicken wurde mit erschreckendem Krachen ein
fantastisches Feuerwerk entzündet, das die Umgebung in ein
unwirkliches Licht tauchte.
Aus einer Parkecke flüchtete ein halbnackter Andersen; zwei auch
nicht mehr vollständig bekleidete Damen eilten ihm kreischend
hinterher. Körner bemerkte bissig: „Hoffentlich ist der
Märchenerzähler endlich entjungfert worden; diese Wohltat war
überfällig.“
Alle lachten und applaudierten Lichtenberg, der das Feuerwerk
vorbereitet hatte und sich diebisch über diese gelungene
Überraschung freute. Und dann kamen die Tänzerinnen aus dem
Hamburger Ballett und tanzten nach der Musik von Jacques Offenbach
einen ausgelassenen, frechen Tanz. Sie mussten ihn zweimal wiederholen,
und dann versuchten ihn alle mitzutanzen – obwohl unsere Damen anfangs
nicht hinnehmen wollten, dass die attraktiven Tänzerinnen durchweg
noch begehrenswerter auf uns Männer wirkten.
Von einer Lesung mit Liebesgedichten sprach keiner mehr. Liebesszenen
ereigneten sich weiter ohne Unterbrechung, zwanglos wechselnd und wie
selbstverständlich verteilt im Park und im mehrstöckigen
Haus, das Lichtenberg vorsorglich für drei Tage gemietet hatte.
Ich erfuhr, dass Puschkin alles bezahlen wollte: die Miete, die
angelieferte Verpflegung, die Musik, die Künstler, zwei
Hausmägde und die am Ende erwartbaren Aufräumfolgen.
Ein ärgerliches gewordenes Detail war bei der Planung dieser rein
musischen Veranstaltung nicht beachtet worden: Die Gäste mussten
auch verdauen. Es gab nur zwei die Körperausscheidungen
erleichternden Aborte mit Gelegenheit zu Waschungen, und die waren
ständig „belagert“. Das ungeduldige Warten vor diesen Räumen
erschwerte manche zwischenmenschliche Beziehung und regte
offensichtlich einige Gäste zu etlichen Zettelanschlägen und
Abort-Sprüchen an; die meisten mahnten zur Eile und zum Verzicht
auf zeitraubende zusätzliche kosmetische Renovierungen oder auf
intime Verabredungen.
Es erwies sich als vorteilhaft, dass einzelne Dichter, denen man es gar
nicht zugetraut hätte, auch noch Lebenspraktischeres als Lesen und
Schreiben gelernt hatten; nach einigen schwer ertragbaren Stunden
organisierten sie improvisiert weitere Örtlichkeiten.
Am nächsten Morgen habe ich mich gegen Zehn wieder dort
eingefunden, gerade rechtzeitig, um zu erleben, wie die literarischen
Leuchten und ihre Damen einzeln ziemlich verkatert zum
Frühstück kamen. Der Lord klagte über die zu einseitig
„kontinentalen“ Bestandteile.
Goethe genehmigte sich ohne Rücksicht auf andere Interessenten
eine Riesenmenge Rührei mit Schinken. Der bis in sein
beneidenswert hohes Alter offensichtlich schürzenjägerisch
aktive Dichterfürst versuchte vergeblich, eine verschlafen
aussehende, vorteilhaft erblondete Dame zu becircen. Eine Dame neben
mir äußerte den Verdacht, dass er sich wohl jeden Morgen
Pfeffer in die Unterhose streuen würde. „Streuen lässt“,
meinte mein anderer Nachbar. Danach verlangte und verteilte Goethe
Champagner und lud zu einer angeblichen „Erstlesung“ in den Park.
Als er an mir vorbeiging, sagte er, ohne mich anzublicken: „Wieso hat
die Göttliche Sie geküsst? Was haben Sie ihr versprochen?“
„Womit beeindrucken Sie denn Ihre Frauen, Exzellenz?“ fragte ich
zurück und schob nach: „Vielleicht hat die wunderbare Frau genug
von eitlen Männern.“ Es waren nicht viele, die ihn hören
wollten. Ich glaube mich zu erinnern, dass es Lessing war, der gut
hörbar sagte: „Das Bisschen, das wir lesen, schreiben wir selber!“
Die Bemerkung traf viele, aber jeder hielt sie nach meinem Eindruck und
nach einigen Nachfragen für andere zutreffender als für sich
selbst.
Heine bekam mehr Publikum bei seinem wohl als Gegenaktion gedachten
improvisierten Vortrag, für den er gar nichts Gedrucktes brauchte:
Er sprach alle seine Gedichte und einige Prosa-Proben auswendig und
wurde einige Male durch freundliche Zurufe ausgerechnet von Börne
unterbrochen, der als fast einziger Mann zuhörte. Heine schenkte
seinen Zuhörerinnen Champagner ein.
„Diese Vorliebe haben der große Goethe und ich noch gemeinsam!“
sagte er mir später, als ich mit ihm über kulinarische
Genüsse, über falschen Patriotismus und über die
Bedeutung von Freudenhäusern für schöpferisch
tätige Männer führte und mitschrieb – Letzteres hielt er
übrigens für ein lohnendes Dissertationsthema; darüber
hätte er viel lieber gearbeitet als weiland über sein
staubtrocken juristisches.
Lichtenberg sah und hörte uns über die Schultern zu und
steuerte seine Meinung über körperliche Liebe bei, die ich
sehr berichtenswert fand, aber leider nicht zitieren darf, weil sein
Verleger jedes Bonmot von ihm exklusiv behalten will.
„Früher waren wir nur von unseren Fürsten abhängig, das
war lähmend genug; jetzt pressen uns die Verleger!“ Der
schwäbisch tönende Ruf konnte nur von Schiller sein. Er hatte
eine ihn anhimmelnde Dame im Arm und küsste sie ungeniert,
schauspielerisch gekonnt und selbst in dieser erotisch längst
aufgeladenen Szene ungewöhnlich lange vor allen Leuten. Die Dame
fand es kein bisschen „shocking“, dass dieser bekennende poetische
Busenforscher ihren eigenen vor allen rühmte und seine Worte
handgreiflich unterstützte: „Manche griechische Göttin
wäre neidisch auf diese herrlichen Brüste!“
Das weckte natürlich die Neugier etlicher herzueilender Dichter,
die ja immer auf der Suche nach Inspirationen sind. „Seht einmal“, rief
G. A. Bürger aufgebracht, „und dieser Herr hat sich über
meine offenen Liebesgedichte mokiert!“
Meine Kollegin Simone blieb verschwunden, wahrscheinlich wagte sie im
Selbstversuch wieder, in vorgeblich romantisches Neuland vorzudringen.
Ich musste sie nach über zweistündigem Warten entgegen
unserer Vereinbarung zurücklassen; vielleicht war sie ja auch gar
nicht mehr hier.
Ich sah kein lohnendes Ergebnis des Zusammentreffens von schreibenden
notorischen Einzelgängern mehr – außer, dass man sich einmal
getroffen hatte und sich so bald nicht mehr wiedersehen wollte. Nach
meiner Einschätzung lässt sich auch über dieses
Unternehmen kaum Tieferes resümieren, als dass die Krähen
wieder einmal den Dohlen geschildert haben, für wie schwarz sie
die Raben halten.
Nach der Auflösung des wenigstens in amouröser Hinsicht
halbwegs gelungenen Treffens, einem allgemeinen Seufzen über den
Sinn dieser aufwendigen Zusammenkunft und der wohl nicht ernst
gemeinten Verabredung, in fünf Jahren alles noch besser
vorzubereiten und dann auch von anderen Musen geküsste
Künstler dazu einzuladen, ergab sich eine abenteuerliche Situation
für mich: Die Dichterin Elizabeth Barrett, die nicht mit den
anderen englischen Schiffspassagieren reisen wollte, ging mit mir zur
Poststation.
Während ich den schwersten Teil ihres Gepäcks trug, konnte
ich an ein scherzhaftes Geplänkel beim Warten vor dem gewissen
Örtchen mit ihr anknüpfen und unsere Sympathien für
einander erweitern. Entgegen einer an der Station aushängenden
Mitteilung ging an diesem Tag kein Postwagen mehr nach Hamburg. Pannen
passieren eben.
Wir mussten eine Herberge suchen, fanden die einzige am Ort, und weil
dort nur eine Bettkammer verfügbar war, nahmen wir das nach
gehörigem Zögern als vom Schicksal sehr zumutend, aber halt
so gewollt. Nach einem langen Spaziergang waren wir ganz prosaisch
hungrig und ließen uns, weil unten gezimmert wurde, die wenigen
nahrhaften Angebote des Hauses nach oben bringen.
Ja, zugegeben, als ich hinter ihr nach oben stieg, war es mit meiner
höflichen Reserviertheit vorbei; meine Hände machten sich
selbständig. Elizabeth stieß mich spontan abwehrend die
steile Treppe hinab; ich stürzte mit Gepolter nach unten und blieb
regungslos liegen. Sie eilte schnell zu mir, tätschelte in
höchster Sorge mein Gesicht – und weil ich mich immer noch nicht
rührte, versuchte sie eine Wiederbelebung mit
zärtlich-verzweifelten Küssen, die ihr nach einer Weile den
wohl gar nicht mehr erhofften Erfolg brachten.
Ich bewies ihr in den nächsten Stunden, dass nur ihre Küsse
mich dem Leben zurückgeben und sogar meine vorgetäuschten
furchtbaren Schmerzen lindern konnten. Es kam mir allmählich so
vor, als ob ihr dieser Liebesdienst auch gut tat – für eine
spröde junge Engländerin war das nicht zu erwarten gewesen.
Zu drögem Brot mit Spiegeleiern und lauem Bier erzählte ich
Elizabeth einige meiner Erlebnisse. Ganz in Gedanken öffnete sie
einige Knöpfe ihres wohl zu engen Gewandes; das blieb von mir
nicht unbeachtet und ich nahm es als gutes Omen für einen diesmal
günstiger terminierten Frontalangriff. Nicht wahr, ihr denkt auch,
dass Engländerinnen kühl und fantasielos und erotisch
ungewöhnlich uninteressiert sind? Gut, bleibt nur bei diesem
Vorurteil; ich weiß es besser.
Abgesehen von der wundervollen Vertrautheit, die eine Liebesstunde
schafft, mochten wir uns. Ich merkte das daran, dass mich ihr
Zigarrenkonsum nicht mehr störte. Männer, habt ihr jemals
eine Zigarrenraucherin geküsst? Und das einmal „danach“?
Danach hörte ich von ihr bis spät in die Nacht ihre Sonette.
In unseren Liebespausen fror sie immerzu und unsere Wirtin musste uns
zwei Federbetten zum Zudecken und heißen Tee mit Rum bringen.
Beim zweiten Mal haben wir ihr Klopfen nicht gehört und als sie
uns in einem nicht für Zuschauer geeignetem Augenblick gesehen
hatte, stellte sie das Tablett rappelnd vor unsere Türe. Ich bin
nicht sicher, ob sie ihrem Mann später gezeigt hat, was sie so zum
fassungslosen Staunen gebracht hatte, dass sie wie betrunken die Treppe
hinunter stolperte – ich glaube, es war die „Balinesische Schaukel“
gewesen, die in der norddeutschen Liebes-Praxis als Seltenheit gelten
wird.
Kein englischer Leser wird erfahren, wie nah dieses lyrische Talent
danach Haut an Haut auf meinem Herzen lag und dass sie mein Gesicht mit
ihren herrlichen langen, kastanienbraunen Lockenhaaren zudeckte; sie
dufteten nach wilden Rosen.
Wir brauchten keine Lampe; sie konnte ihre Gedichte auswendig, einiges
bald auch ich: „Unlike are we“, „If thou must love me“ und den
ergreifenden Vers „The silver answer rang – not death, but love“ haben
wir uns im Duett zugesungen und uns dabei geliebt, wie es schöner
nie sein wird auf dieser Erde.
Wir durften uns unabhängig und nicht an Erwartungszeiten gebunden
fühlen, deshalb wurden wir uns einig, noch länger beisammen
zu bleiben. Es drängte uns ans Meer und wir fanden dort am Strand
eine komfortablere Unterkunft.
Elizabeth erzählte mir viel aus ihrem Leben und von ihren
Arbeitsbedingungen; ich gab mich wortkarger, zeigte aber eine
unstillbare Lust, ihre Brüste zu liebkosen und Verse mit der Zunge
auf ihren Rücken zu schreiben, in Englisch und Französisch
und Deutsch – sie hat sie alle verstanden und mich großherzig
belohnt. Sie fand übrigens großen Gefallen an den Spielarten
der Lustbereitung, die mir von Nadine in Erinnerung waren…
Unsere nach dieser seligen Woche noch lange brieflich fortgesetzte
Liebesgeschichte und meine lange vergeblichen Bemühungen, einen
deutschen Übersetzer für Elizabeth zu finden, habe ich meinem
Auftraggeber verschwiegen. Als wir uns übrigens siebzehn Jahre
später in Florenz wiedertrafen, war sie mit einem Dichterkollegen
verheiratet, den es überhaupt nicht störte, dass wir uns
herzlich umarmt und den ganzen nächsten Tag zusammen in den
Kunstschätzen der Stadt verbracht haben. Und wenn ihr annehmt,
dass sie mich nicht in meinem Hotel besucht hat, liegt ihr wieder
einmal falsch.
Mit meinem Bericht vom Dichtertreffen war mein Verleger insgesamt nicht
zufrieden, nicht zuletzt, weil er Goethe blindlings verehrte und weil
er Heine nicht mochte.
Die aufregendere Geschichte meiner Kollegin über ein längeres
Beisammensein mit dem literarischen Busenforscher und Professor
Schiller hätte er zu gern gedruckt; er hatte aber Angst vor
juristischen Folgen, und was Simone über eine Art Beichte des
jedenfalls alle Männer provozierenden Kollegen Villon zu sagen
gehabt hätte, verschwieg sie, weil der sie als Mann und als
Dichter ungemein beeindruckt hatte – immerhin eine halbe Nacht lang.
Unser Verleger ließ uns Autoren wieder einmal leer ausgehen.
Später erfuhren wir, dass er unsere Geschichten inhaltlich
lächerlich aufgeplustert ins Ausland verkauft hat, sicher mit
Gewinn.
Aus Rache überließ Simone ihre bewegende Erinnerung an den
abgerissenen französischen Poeten einem anderen Verleger. Ich habe
sie aus den Augen verloren, hörte aber, dass sie die viele
erstaunende Behauptung verbreitete, von Villon schwanger zu sein. Ganz
unmöglich ist bei Frauen ja nichts, aber vielleicht hat sie nur
einige Nachterlebnisse verwechselt – das geht mir als Mann auch oft so.
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