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Der Zarin zu
Füßen
Mein Traum war in Erfüllung gegangen. Der schönen Kaiserin
und Zarin wegen hatte ich ja die beschwerliche Reise auf mich genommen.
Ich trug sie nicht nur in meinem Herzen, sondern schon jahrelang in
einem Medaillon auf meiner Brust.
Ich wusste, dass sie in der Welt bestaunt wurde als eine deutsche
Wunderfrau, die das ihr zugefallene Riesenreich ungeahnt in neue Zeiten
verwandelt und in eine hoffnungsvolle Zukunft geführt hatte; mit
all ihren nicht für möglich gehaltenen Erfolgen wurde sie von
vielen Staatsmännern bewundert und auch gefürchtet. Ich
wusste aber auch, dass diese ungewöhnliche Herrscherin lebensfrohe
und unterhaltsame Männer von Adel, leider zum Kontrast auch
irgendwelche groben Kerle, gern um sich hatte. Ich hatte auch
gehört, dass sie aus Gesundheitsgründen die Männer in
ihrer Umgebung medizinisch untersuchen und wissenschaftlich vermessen
ließ. Das machte mir keine Sorgen.
Unvergesslich blieb mir und schönerweise auch ihr jener erste
Feiertag, an dem ich mit vielen Hofleuten bei irgendeinem festlichen
Ereignis am Fuß einer großen Freitreppe des Schlosses
stand. Die Zarin kam mit ihrem Hofstaat lächelnd in Großer
Robe ganz langsam herunter. Rechts und links standen Soldaten in
prächtigen Uniformen mit quer gehaltenen Gewehren. Wir Herren
verbeugten uns tief, aber ich wagte dabei, sie endlich wenigstens
schräg aus der Nähe anzuschauen. Die Zarin wollte anscheinend
einen sich seitlich verneigenden Offizier mit einem huldvollen Winken
auszeichnen -und dann trat sie auf ihren Kleidersaum.
Als Erster erkannte ich das Unglück, stieß die neben mir
Stehenden zur Seite und bin nach oben gestürmt. Die Zarin war
schon fünf oder sechs Stufen hilflos herabgestolpert, dann fing
ich sie in meinen Armen auf. Die erst jetzt handlungsfähigen
Soldaten wollten mich niederreißen, aber die Zarin wehrte sie mit
einer Kopfbewegung ab.
Ich spürte ihre Brust auf meinem Arm und mein Gesicht lag halb
betäubt in ihrem wundervoll duftenden Haar, bis sie sich in meinen
Armen umdrehte. Erbleicht und heftig atmend lächelte sie mich an:
„Merci, mon ami! Au revoir!“ Ich gab sie frei und sie richtete sich
wieder auf. Ich kniete mich ergeben vor ihr nieder. Als sie an mir
vorbei schritt, legte sie leicht ihre Hand auf meine Schulter.
Freunde, das waren die kostbarsten Sekunden meines Lebens. Die
Höflinge sahen mich neugierig abschätzend an. Eine Hofdame
trat Minuten später diskret zu mir und fragte mich nach meinem
Namen und meiner Adresse; sie flüsterte mir eine mich umwerfende
Einladung ins Ohr. Ihr könnt euch denken, dass die Zarin mir
später noch inniger gedankt hat.
Als die hohe Frau meine Heimat erfuhr, zeigte sie sich entzückt
und ließ mich in den Gelben Salon führen. Ich sah sie nicht,
hörte aber ihre Stimme hinter einem Seidenvorhang. Die
Geräusche ließen mich vermuten, dass sie mit Hilfe ihrer
munteren Kammerdienerinnen badete.
Sie erlaubte mir, mich in einen Sessel zu setzen. Auf einem Tischchen
standen in einer Karaffe Wein und eine Schale mit Früchten. Auf
ihre Aufforderung hin bediente ich mich. Mitten im Wasserplanschen rief
sie: „Erzählen Sie mir, warum Sie hier sind, Münchhausen!“
Ich sprang auf und sagte gut vorbereitet: „Majestät, mein Herz
gehört Ihnen seit meiner Jünglingszeit. Ich will es Ihnen zu
Füßen legen.“
Hinter dem Vorhang zeichnete sich eine aufregend gehaltvolle
Frauenfigur ab, die sich von den jungen Frauen mit Tüchern
trocknen und vermutlich mit Duftwassern bestäuben ließ. Ich
wagte nur verstohlen hinzusehen. Plötzlich erschien ihr Kopf
zwischen den Vorhängen. Ich warf mich vor ihr mit ausgebreiteten
Armen hin. Diese Geste hatte ich lange geprobt; mein Vorbild war die
Zeichnung einer Priesterweihe. Ich spürte aber überdeutlich,
dass mein Körper sich mit einem Zölibat nicht abfinden
würde.
„Aber Münchhausen, Sie legen mir ja den ganzen Kerl zu
Füßen; nun ja, das finde ich auch besser. Setzen Sie sich
und trinken Sie auf mein Wohl! Wir sehen uns bald wieder!“
Ich taumelte in den Sessel, konnte mein Glück nicht fassen und
goss mir ein Glas Wein ein. Ich kam aber nicht dazu, das Glas zu
nehmen, denn mein Sessel flog nach hinten und glitt dann ruckelnd mit
mir in einen schräg verlaufenden Schacht nach unten. Ich war
ohnehin benommen und fühlte alles wie im Traum. Als mein rollender
Sessel zum Stehen kam, packten mich starke Arme rechts und links und
schleppten mich in einen hell erleuchteten Raum.
Ich erkannte zwei uniformierte Männer. Sie verbeugten sich vor
mir, aber parodierend: „Willkommen, Durchlaucht“ sagte einer mit einem
österreichischen Akzent. Der andere sagte: „Wir wünschen ein
geruhsames Stündchen!“ Zugleich hielt er mir ein übel
riechendes Tuch vor meine Nase und zwang mich, den betäubenden
Geruch einzuatmen.
Ich glitt in die Wolken. Von ganz weit her spürte ich, wie man
mich auf einen Tisch legte, meine Kleider auszog und wie die beiden
sich Witze erzählten. Mir war es gleich; ich hörte noch die
Stimme des Wieners: „Wusch, da schau her, der hat sich ja sogar das
Spatzerl gewaschen; er war wohl auf alles vorbereitet.“
An mehr erinnere ich mich nicht mehr. Ich war ohne Zeitgefühl.
Zudem war ich auf Schlimmeres gefasst gewesen; die Proben meiner
Liebeskraft waren erst später gefragt und dann waren es keine
Versuchungen mehr, sondern Liebesspiele, die Katharina lebensnah
ausprobierte.
Auf einmal fühlte ich an jenem Nachmittag, wie mich ein angenehm
duftender Mensch sanft rüttelte. Beim dritten Mal wagte ich die
Augen zu öffnen. Eine Kammerfrau hatte mich geweckt. Ich saß
wie vorher in dem geschnitzten Sessel, aber mir gegenüber
saß die Zarin – in prachtvoller Robe und mit allen
Schönheitsverstärkern zurechtgemacht.
Ich starrte ungläubig, folgte dann aber ihrem amüsierten
Blick auf meine linke Hand, die zu meinem Entsetzen bereits in einer
engen, geschnitzten Höhle spielte. Ich erschrak furchtbar, als ich
erkannte, dass die Höhlen und die Wölbungen davor
Gegenstücke zu den aufgereckten männlichen Symbolen waren,
die die Herrscherin am Ende ihrer Armlehnen mit beiden Händen
umschloss. Alle hölzernen Möbel in diesem Raum trugen
Liebessymbole in handgreiflicher Art. Ihre Stimme riss mich aus meinem
Traum: „Münchhausen, waren Sie gerade etwas umnebelt?“ Sie lachte
und fächelte sich mit einem großen Seidenfächer. Sie
betrachtete mich abschätzend und ich sah verlegen zu Boden.
„Wie ich höre, sind Sie ein besessener Dame-Spieler“, sagte sie
dann. Und als ich lebhaft bejahte, beglückte sie mich mit dem
aufregendem Satz: „Wir werden noch um vieles spielen, Münchhausen;
schenken Sie mir ein und dann spielen wir -um einen hohen Einsatz
natürlich.“ Sie lachte verführerisch, stieß mit ihrem
Glas gegen meines, das ich erst nachfüllen musste. Welch ein
kunstvoll nachgezogener dunkelroter und sehr dünn noch dunkler
umrandeter Mund! Welch eine Frau!
Viel später erst, wenn sie alle Pracht abgelegt und wenn man ihr
die Gesichtsfarben abgewaschen hatte, konnte ich dieses Gesicht richtig
bewundern. Ich war schon als junger Mann darauf gekommen, dass viele
leuchtende Schönheiten innerlich nur wenig Begeisterndes haben;
eine Frau wird nun mal erst schön durch die Liebe und allgemein
entdecke ich viel lieber die Liebe „auf den zweiten“ oder den dritten
Blick; die nicht ganz blendend schönen Frauen beglücken uns
Männer mit viel mehr Überraschungen.
Eine Hofdame brachte das Spiel, das wir danach noch viele Male gespielt
haben und rückte, eigentlich unnötig, die „Steine“ zurecht
und lehnte sich dabei mit ihrem duftenden, weichem Oberkörper
sekundenlang über mich; ich spürte ihre Brust deutlich – und
mir fiel auf: ich sollte sie wohl spüren. Ich sah die Zarin an;
Katharina lächelte.
Doina lernte ich näher kennen, als sie mich mehrfach aus meinem
Gemach abgeholt und zur Zarin begleitet hat. Einmal hat sie mich aus
dem Nachmittagsschlaf wecken müssen; ich hatte sie, was mir sehr,
aber weniger ihr peinlich war, noch halb im Traum auf mich gezogen und
begehrlich umarmt und wild geküsst. Wir haben über meinen
Liebhaber-Reflex gelacht. Weil ich fand, dass ich beim ersten Mal noch
etwas schlaftrunken reagiert hatte, habe ich diese Szene nur der
besseren Erinnerung wegen noch einmal wiederholt; meine Erinnerung
bestätigte sich: es war wild und aufwühlend. Erst später
war mir aufgegangen, dass sie sich nicht gewehrt, sondern meine
Küsse sehr aufnahmebereit empfangen und erwidert hatte. Nebenbei:
Sehr beeilt auf dem Weg zu Katharina haben wir uns nicht; sie hatte
eine nette Art, mich unterwegs scherzhaft und vertraulich anzurempeln.
Dies blieb: Ich wollte Doina unbedingt näher kennenlernen – ein
vielleicht nur „rein körperlicher Reflex“?
Im Spiel mit der Zarin habe ich oft verloren, ich kann nicht mehr
aufzählen, was alles der Einsatz war; oft waren es
Botschafterposten in aller Welt. Ich habe sie, wenn ich gewann, alle
abgelehnt, weil ich so nah wie möglich bei ihr bleiben wollte.
Beim Damespiel und seither sprach die Katharina deutsch mit mir; sie
hielt oft meine Hand in der ihren und ich verstand, dass sie tiefes
Heimweh nach ihrer deutschen Heimat hatte.
Ich wagte es, tiefer in ihr Dekolleté zu schauen. Dort durfte
ich ihr Herz vermuten, unerreichbar unter diesem aufstrebenden Busen.
Unerreichbar? Das dachte ich lange, aber manchmal werden einige meiner
Träume wunderbarerweise wahr. Begannen hier zwei
Schicksalsfäden eine Weile zusammen zu laufen?
Ich war fassungslos: Die Zarin fand Gefallen an mir und ich war ihr
offenbar ein willkommener Ersatz für ihr lästig gewordene
Vorgänger. Fortan war ich ihr engster Berater, den sie nicht
selten auch mitten in der Nacht zu sich rief. Nach unerquicklichen
Regierungsgeschäften rief die Zarin oft: „Münchhausen, komm,
massiere mir die Füße! Aber vorher noch ein kleines
Damespiel!“
Dabei war sie meistens noch in ihrem Bad, aber es trennte uns kein
Vorhang mehr und ich gehörte wie selbstverständlich in ihrem
„Innersten Bereich“ dazu. Ich bewunderte ihren geliebten Körper,
sagte ihr das natürlich in vielen poetischen Variationen und
küsste, was ihr nicht unlieb war, ergebenst viele
majestätische Stellen. Und dann musste ich ihr in der restlichen
Nacht von unseren heimischen Schlössern und Burgen erzählen,
von unseren Universitäten und Silberbergwerken.
Die räumlich immer nahen Kammerfrauen konnten oft ein leises
Kichern nicht unterdrücken; sie huschten vorbei und sahen
pflichtschuldig oft zu ihrer Herrin hin. Sie verstanden wahrscheinlich
unsere Sprache nicht, aber sie ahnten wohl, was unter unserer Bettdecke
geschah, wenn ich der Zarin leise, ganz nah hinter ihrem Rücken
und Ohr, noch ein Märchen erzählte. Häufig fand ich
einen Grund für eine Kurzform.
Ich bitte um Verständnis dafür, dass es ein Staatsgeheimnis
bleiben muss, welche Liebesworte meine Zunge ihr auf den mit
Sommersprossen verzierten Rücken schrieb, wie ich den herzigen
ovalen Leberfleck sieben Finger breit südöstlich ihres Nabels
liebkoste, welche Berührungen sie kitzlig machten und auch, welche
Huldigungen die Kaiserliche Majestät meinen Händen erlaubte;
erst recht, wozu sie mich mehrmals in der Nacht in wundervoller
Selbstverständlichkeit einlud.
Für unsere Nachtstunden kannte ich bald keine Märchen mehr.
Ich ließ deshalb über den deutschen Botschafter die
Großmutter des Bodenwerderer Müllers nach ihr erinnerlichen
Märchen ausfragen; sie kannte neunzehn. Der Lehrer Lindemann
ließ viele Großmütter in den Weserdörfern
wochenlang Märchen erzählen und schrieb sie mit; so konnte
ich bald drei Märchenbücher herausgeben, lange bevor meine
eigenen Abenteuer weltweit bekannt wurden.
Als Dank der Zarin konnte Herr Lindemann zur Hochzeit seiner Tochter
den dekorativen russischen St.-Annen-Orden am goldumrandeten roten Band
um den Hals tragen. Er musste unzählige Male seine Verdienste
schildern, nicht nur in Bodenwerder. Wie ich hörte, wurde er in
etliche vornehme Kreise zu Festessen eingeladen und gedrängt, sich
an immer mehr internationale Kulturtaten zu erinnern, die auf ihn
zurückgingen… Hoffentlich sind ihm der Ruhm und die ihm einfach
zufallenden Ehrungen nicht aufs Gemüt geschlagen, denn so etwas
würde vielen in meiner Heimat bald unheimlich und einfach
lästig werden.
Verraten kann ich mittlerweile, dass unser Damespiel nur ein Vorwand
für ihr noch Wichtigeres war: Die Zarin brauchte einen
überzeugenden Redenschreiber und Ideengeber, und sie hatte
beiläufig und listig herausgefunden, dass ich genau der Richtige
war, vor allem mit meiner schon in meiner Jünglingszeit
aufgefallenen Gabe, starke Sprüche zu erfinden. Damals habe ich
für einige teure Restaurants in Hannover fantasievolle
Beschreibungen der Gerichte auf den Speisekarten ersonnen.
Von meiner Zeit in St. Petersburg kann ich mit Stolz berichten: Wir
beide hatten erstaunliche Erfolge, denn Katharina hatte eine
mitreißende Begabung, das von mir Formulierte vor anderen
vorzutragen. Aber was mir oft auch während eines Liebesspiels
eingefallen und von ihr dann sofort aufgenommen worden war, das musste
vor aller Welt geheimer bleiben als alles Erotische, denn das galt ja
als völlig normal.
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