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Der König mit dem
Knall
Ein angenehmer diplomatischer Auftrag führte mich in eines meiner
Lieblingsländer zurück. Dort war ein Herrscher an die Macht
gekommen, der aller Welt beweisen wollte, dass er seinem hoch
geachteten Vorgänger in Weitblick, Durchsetzungskraft und
Führungsstärke nicht nachstand. König Jacques setzte
ganz auf Stärke, und die wollte er allen beweisen, auch durch eine
von ihm wiederentdeckte Form von Abschreckung, mit der er seine Gegner
und zugleich auch sein Volk beeindrucken wollte.
Seine Landsleute verstehen es mit ihrer glücklichen Natur, gut und
genussvoll zu leben: König Jacques´ Untertanen nehmen das
Leben leicht und das Essen und Trinken viel wichtiger als zum Beispiel
wir Deutschen. In allen Ländern gelten sie seit langem und von
keiner Konkurrenz angefochten als Meister der Lebenskunst,
übrigens auch der Liebe.
Während die Menschen dort andächtig essen und trinken und
sich lieben, sprechen sie leidenschaftlich, dann aber wieder
völlig gelassen über die von ihnen bemerkten Vorzüge
oder Nachteile der Taten ihrer Obrigkeit. Ich wurde just Zeuge, wie der
neue Herrscher sich darin übte, Stärke zu zeigen und dabei
immer verbindlich die Zähne zu zeigen. Das gefiel vielen und sie
fanden ihn überzeugend; mancher versuchte, diese Kunst in seinem
Bereich nachzuahmen.
Die Franzosen lebten ganz gut; natürlich nicht alle, aber damit
müssen schließlich alle Herrscher leben. Viele Bürger
hatten Sorgen, bei denen ihnen ihr König und seine Minister, nicht
einmal ihre Seelenhirten helfen konnten.
Nun hatte König Jacques kluge Berater, die ihn davon
überzeugten, dass es ihm und sogar allen gut tun würde, wenn
er einmal ein eindeutiges Zeichen von Größe und Stärke
setzen würde, weil so etwas von Sorgen und vielen anderen Dingen
ablenkt und die Leute längere Zeit sinnvoll beschäftigt.
Der König ließ auf einer unbewohnten Insel in einem
asiatischen Meer, wo auf den umliegenden Inseln nach seiner
Einschätzung nur unbedeutende Menschen lebten, das Anzünden
eines riesigen Pulverfasses vorbereiten.
In allen Rotweinrunden des Landes wurde dramatisch ausgemalt, dass der
Knall weithin zu hören sein würde. Er würde
mögliche Feinde abschrecken und nebenbei der militärischen
und der wissenschaftlichen Pulverknallforschung neue Erkenntnisse
bringen.
König Jacques wollte auch als ein menschenfreundlicher Herrscher
gelten. Er ließ die in der Nähe des zunächst
abgesperrten Inselgebietes wohnenden Menschen vor dem, wie er über
alle Zeitungen und Buschtrommeln verbreiten ließ, „völlig
ungefährlichem“ Knall vorsorgend warnen.
Es trat ein, was nicht wenige vorausgesagt hatten und er in seiner
Abgehobenheit wie viele Mächtige nicht ahnen konnte: Diese
Freundlichkeit wurde nicht belohnt. Ein unerwarteter und ganz und gar
unüblicher Proteststurm breitete sich aus, weniger im eigenen
Land, aber in vielen anderen Ländern.
Eine unerschrockene Gruppe von Menschen aus mehreren Ländern, die
schon einmal die beabsichtigte Versenkung eines mit Giftfässern
beladenen Schiffes erfolgreich verhindert hatte, verbündete sich
mit Besorgten aus vielen Ländern und segelte mit einigen Schiffen
in das Krisengebiet. Sie dachten sich viele fantasievolle
Möglichkeiten aus, das Anzünden des Riesenpulverfasses zu
verhindern und den knallbesessenen, unbeugsamen Herrscher umzustimmen.
Mein Sultan hatte mir mitgeteilt, dass er sich wie viele andere
Regenten in diese auch von ihm so genannten „inneren Angelegenheiten“
des König Jacques nicht einmischen wolle; das durfte ich Seiner
Majestät bei einer Exklusiv-Audienz unterbreiten; er hat
befriedigt gelächelt.
Wir bekamen Berichte aus der Ferne, nach denen die Schiffe des
Königs die Protestschiffchen gnadenlos versenkt hatten. Daraufhin
änderten die unermüdlichen, aber zu sorglosen, vielleicht
aber (wie die Sprecher des Königs mutmaßten) auch ohnehin
lebensmüden Friedenskämpfer ihre Taktik. Sie erwogen
nämlich, auf der bedrohten Insel Austern, Wachteln, Rebhühner
und Mastgänse auszusetzen, dazu überraschenderweise vier
junge Exemplare einer vom Aussterben bedrohte Art von Wildrindern.
Dieses unerhörte Vorhaben löste nun auch im eigenen Land eine
Welle des Massenmurrens aus.
Die vereinigten Knallgegner hatten den entzückenden, aber
staatsgefährdenden Einfall, junge Frauen aus allen Ländern
aufzurufen, sich massenhaft als Hirtinnen und Hüterinnen für
die Insel gewinnen zu lassen – für eine kurze und auch mal in
Zelten überstehbare Zeit.
Das Echo auf diesen Aufruf hat alle Erwartungen übertroffen.
Hunderte Frauen aus vielen Ländern meldeten sich freiwillig und
versprachen sich offenbar Vergnügen, Ruhm, Zukunftssicherung und
Ansehen.
Und dann schafften es die Friedensstrategen, bei Nacht und
Frühnebel alle für die Vermehrung ihrer Arten so trefflich
geeigneten Tiere auf der Insel auszusetzen.
Die Zeitungen berichteten trotz der strengen Zensur, dass viele
furchtlose Frauen in winzigen Booten zu der Insel gepaddelt waren und
den Soldaten aufregende Einfangjagden zwischen dem aufgescheuchten
Geflügel und dem manchen als heilig geltenden Hornvieh bereitet
hatten. Die Sache drohte, ein Spaß und nebenbei ein
äußerst friedliches Liebesfest zu werden.
Ich erlebte, wie eine von der Regierung eingesetzte Krisenkonferenz bei
köstlichen Arbeitsessen erwog, Fangflotten für das Einfangen
des im Lande so geliebten Getiers auszusenden. Das sei, wenn man hart
durchgreifen dürfe, durchaus machbar, fanden die königlichen
Berater bei gutem Wein heraus; nur die heiligen Kühe seien ein
schwer einschätzbares diplomatisches Problem, weil asiatische
Handelspartner eventuell empfindlich reagieren könnten.
Übrigens hatten englische Zeitungsleute herausgefunden, dass der
inzwischen über siebzigjährige König eine
wortführende und für ihre übernational erfolgreiche
„Busenfreiheits“-Parole bekannte Hirtin in Privataudienz empfangen und
zum Erstaunen seiner Umgebung über Nacht bei sich behalten hat. Er
hat es dabei geschafft, ihre Einstellung zu dem ganzen Unternehmen
völlig zu ändern. Sie präsentierte sich jetzt weit
eleganter und übernahm eine Aufklärungsfunktion für die
Zeitungen, aber jetzt im Dienst des Königs. Das war eben auch eine
„innere Angelegenheit“.
Einige Berater sahen das Ansehen des Königs gefährdet.
Schließlich ließen sich Stimmen vernehmen, die König
Jacques rieten, das Fass doch nicht hochgehen zu lassen. Es sei nicht
auszuschließen, dass ein Mitleid erregendes Rebhuhn oder, noch
gefährlicher, eine sich wirkungsvoll ins rechte öffentliche
Licht setzende Gänsehirtin die Menschen zu einer womöglich
nicht mehr zu steuernden Massenbewegung aufstacheln könnte.
König Jacques sah ein, dass er jetzt handeln musste, um sein
Gesicht zu wahren. Er ließ das Fass anzünden, allerdings
etwas abseits der ursprünglich vorgesehenen Insel. Der ungeheure
Knall erschütterte die halbe Welt, aber naturgemäß
nicht lange.
Die freiwilligen Hüterinnen kehrten bald in ihre Länder heim,
soweit sie nicht andere Ziele begehrenswerter fanden. Die Gruppe der
Allzumutigen wurde mit ihrem Hauptschiff versehentlich von der
französischen Marine versenkt, und für das Wiedereinfangen
der Tiere fehlte es an Geld.
Der König musste schließlich Soldaten zu Hirten und Hegern
bestimmen, und das verunsicherte sie in ihrem kriegerischen
Selbstverständnis. Sie mühten sich aber in intensivem
Zusammenwirken mit den dort verbliebenen Frauen, eine auch den
Zeitungen nennenswert erscheinende, erfreulich wachsende Einwohnerzahl
auf jener Insel zu sichern.
Aber die Wachteln, die Rebhühner und die Mastgänse lagen dem
Volk am Herzen und beschäftigten anhaltend die Fantasie der
Bürger. Und weil Gelehrte im Staatsdienst den nach der
Fasszündung niedergegangenen Feuerregen nicht nur als völlig
ungefährlich, sondern, die Fruchtbarkeitswelle diente ihnen als
Beweis, als sogar geheimnisvoll stärkend bezeichnet hatten, wurde
die Inselgruppe zunehmend das Ziel von Vergnügungsreisenden, aber
auch von Kaufleuten und Vermittlern aller Art, die künftigen
Interessenten vorauseilten. Sie fanden es alle lohnend, dort
fantasievoll ihr Geld anzulegen.
Nach erstaunlich kurzer Zeit hatte sich in dem feuchtheißen Klima
eine ganz neue Kultur und Zivilisationsstufe mit großer
Anziehungskraft auf ausreichend vermögende Europäer und
Amerikaner entwickelt; sogar Araber und Asiaten zeigten Interesse.
Ich war längst wieder zurück in Konstantinopel, als wir
erfuhren, dass den König eine späte Nachwirkung seiner
Knallpolitik tief getroffen hatte: Eine der zeitweiligen
Gänsehüterinnen hatte ihre Beliebtheit bei den
Mitbürgern so klug ausweiten können, dass sie eines Tages
Nachfolgerin des Königs wurde – natürlich nicht auf dem
Thron, aber bei den dort seit langem üblichen Umfragen nach den
beliebtesten Persönlichkeiten.
Über diesen Ansehensverlust soll sich der Herrscher so
geärgert haben, dass er einmal sogar mit seinem Rücktritt
gedroht hatte. Außerdem soll er, was keines seiner Landeskinder
verstand und verzieh, Gänse, Wachteln und Rebhühner von der
Hofspeisekarte gestrichen haben. Mächtige opfern in manchen
Situationen viel Schwächere – ein uralter heidnischer Brauch.
Verehrte Damen, liebe Freunde, ihr erinnert euch vielleicht, dass sich
König Jacques zuletzt nicht mehr auf das Mitleid oder gar auf die
Dankbarkeit seiner Untertanen verlassen konnte. Die fanden immer mehr
Gefallen an neuen Regierungsformen. Sie hatten auch immer noch anderen,
unerschöpflichen Redestoff beim Essen, Trinken und Lieben.
Was ich an Erinnerungswürdigem sonst noch in diesem liebenswerten
Land und mit seinen Bewohnerinnen und natürlich auch mit seinen
Männern erlebte, erzähle ich euch an einem anderen Abend.
Lasst uns aber jetzt schon auf das Wohl dieses von Gott so sichtbar
geliebten und liebenswerten Volkes trinken, von dem wir noch vieles
lernen können!
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