Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Der König mit dem Knall

Ein angenehmer diplomatischer Auftrag führte mich in eines meiner Lieblingsländer zurück. Dort war ein Herrscher an die Macht gekommen, der aller Welt beweisen wollte, dass er seinem hoch geachteten Vorgänger in Weitblick, Durchsetzungskraft und Führungsstärke nicht nachstand. König Jacques setzte ganz auf Stärke, und die wollte er allen beweisen, auch durch eine von ihm wiederentdeckte Form von Abschreckung, mit der er seine Gegner und zugleich auch sein Volk beeindrucken wollte.

Seine Landsleute verstehen es mit ihrer glücklichen Natur, gut und genussvoll zu leben: König Jacques´ Untertanen nehmen das Leben leicht und das Essen und Trinken viel wichtiger als zum Beispiel wir Deutschen. In allen Ländern gelten sie seit langem und von keiner Konkurrenz angefochten als Meister der Lebenskunst, übrigens auch der Liebe.

Während die Menschen dort andächtig essen und trinken und sich lieben, sprechen sie leidenschaftlich, dann aber wieder völlig gelassen über die von ihnen bemerkten Vorzüge oder Nachteile der Taten ihrer Obrigkeit. Ich wurde just Zeuge, wie der neue Herrscher sich darin übte, Stärke zu zeigen und dabei immer verbindlich die Zähne zu zeigen. Das gefiel vielen und sie fanden ihn überzeugend; mancher versuchte, diese Kunst in seinem Bereich nachzuahmen.

Die Franzosen lebten ganz gut; natürlich nicht alle, aber damit müssen schließlich alle Herrscher leben. Viele Bürger hatten Sorgen, bei denen ihnen ihr König und seine Minister, nicht einmal ihre Seelenhirten helfen konnten.

Nun hatte König Jacques kluge Berater, die ihn davon überzeugten, dass es ihm und sogar allen gut tun würde, wenn er einmal ein eindeutiges Zeichen von Größe und Stärke setzen würde, weil so etwas von Sorgen und vielen anderen Dingen ablenkt und die Leute längere Zeit sinnvoll beschäftigt.

Der König ließ auf einer unbewohnten Insel in einem asiatischen Meer, wo auf den umliegenden Inseln nach seiner Einschätzung nur unbedeutende Menschen lebten, das Anzünden eines riesigen Pulverfasses vorbereiten.

In allen Rotweinrunden des Landes wurde dramatisch ausgemalt, dass der Knall weithin zu hören sein würde. Er würde mögliche Feinde abschrecken und nebenbei der militärischen und der wissenschaftlichen Pulverknallforschung neue Erkenntnisse bringen.

König Jacques wollte auch als ein menschenfreundlicher Herrscher gelten. Er ließ die in der Nähe des zunächst abgesperrten Inselgebietes wohnenden Menschen vor dem, wie er über alle Zeitungen und Buschtrommeln verbreiten ließ, „völlig ungefährlichem“ Knall vorsorgend warnen.

Es trat ein, was nicht wenige vorausgesagt hatten und er in seiner Abgehobenheit wie viele Mächtige nicht ahnen konnte: Diese Freundlichkeit wurde nicht belohnt. Ein unerwarteter und ganz und gar unüblicher Proteststurm breitete sich aus, weniger im eigenen Land, aber in vielen anderen Ländern.

Eine unerschrockene Gruppe von Menschen aus mehreren Ländern, die schon einmal die beabsichtigte Versenkung eines mit Giftfässern beladenen Schiffes erfolgreich verhindert hatte, verbündete sich mit Besorgten aus vielen Ländern und segelte mit einigen Schiffen in das Krisengebiet. Sie dachten sich viele fantasievolle Möglichkeiten aus, das Anzünden des Riesenpulverfasses zu verhindern und den knallbesessenen, unbeugsamen Herrscher umzustimmen.

Mein Sultan hatte mir mitgeteilt, dass er sich wie viele andere Regenten in diese auch von ihm so genannten „inneren Angelegenheiten“ des König Jacques nicht einmischen wolle; das durfte ich Seiner Majestät bei einer Exklusiv-Audienz unterbreiten; er hat befriedigt gelächelt.

Wir bekamen Berichte aus der Ferne, nach denen die Schiffe des Königs die Protestschiffchen gnadenlos versenkt hatten. Daraufhin änderten die unermüdlichen, aber zu sorglosen, vielleicht aber (wie die Sprecher des Königs mutmaßten) auch ohnehin lebensmüden Friedenskämpfer ihre Taktik. Sie erwogen nämlich, auf der bedrohten Insel Austern, Wachteln, Rebhühner und Mastgänse auszusetzen, dazu überraschenderweise vier junge Exemplare einer vom Aussterben bedrohte Art von Wildrindern. Dieses unerhörte Vorhaben löste nun auch im eigenen Land eine Welle des Massenmurrens aus.

Die vereinigten Knallgegner hatten den entzückenden, aber staatsgefährdenden Einfall, junge Frauen aus allen Ländern aufzurufen, sich massenhaft als Hirtinnen und Hüterinnen für die Insel gewinnen zu lassen – für eine kurze und auch mal in Zelten überstehbare Zeit.

Das Echo auf diesen Aufruf hat alle Erwartungen übertroffen. Hunderte Frauen aus vielen Ländern meldeten sich freiwillig und versprachen sich offenbar Vergnügen, Ruhm, Zukunftssicherung und Ansehen.

Und dann schafften es die Friedensstrategen, bei Nacht und Frühnebel alle für die Vermehrung ihrer Arten so trefflich geeigneten Tiere auf der Insel auszusetzen.

Die Zeitungen berichteten trotz der strengen Zensur, dass viele furchtlose Frauen in winzigen Booten zu der Insel gepaddelt waren und den Soldaten aufregende Einfangjagden zwischen dem aufgescheuchten Geflügel und dem manchen als heilig geltenden Hornvieh bereitet hatten. Die Sache drohte, ein Spaß und nebenbei ein äußerst friedliches Liebesfest zu werden.

Ich erlebte, wie eine von der Regierung eingesetzte Krisenkonferenz bei köstlichen Arbeitsessen erwog, Fangflotten für das Einfangen des im Lande so geliebten Getiers auszusenden. Das sei, wenn man hart durchgreifen dürfe, durchaus machbar, fanden die königlichen Berater bei gutem Wein heraus; nur die heiligen Kühe seien ein schwer einschätzbares diplomatisches Problem, weil asiatische Handelspartner eventuell empfindlich reagieren könnten.

Übrigens hatten englische Zeitungsleute herausgefunden, dass der inzwischen über siebzigjährige König eine wortführende und für ihre übernational erfolgreiche „Busenfreiheits“-Parole bekannte Hirtin in Privataudienz empfangen und zum Erstaunen seiner Umgebung über Nacht bei sich behalten hat. Er hat es dabei geschafft, ihre Einstellung zu dem ganzen Unternehmen völlig zu ändern. Sie präsentierte sich jetzt weit eleganter und übernahm eine Aufklärungsfunktion für die Zeitungen, aber jetzt im Dienst des Königs. Das war eben auch eine „innere Angelegenheit“.

Einige Berater sahen das Ansehen des Königs gefährdet. Schließlich ließen sich Stimmen vernehmen, die König Jacques rieten, das Fass doch nicht hochgehen zu lassen. Es sei nicht auszuschließen, dass ein Mitleid erregendes Rebhuhn oder, noch gefährlicher, eine sich wirkungsvoll ins rechte öffentliche Licht setzende Gänsehirtin die Menschen zu einer womöglich nicht mehr zu steuernden Massenbewegung aufstacheln könnte.

König Jacques sah ein, dass er jetzt handeln musste, um sein Gesicht zu wahren. Er ließ das Fass anzünden, allerdings etwas abseits der ursprünglich vorgesehenen Insel. Der ungeheure Knall erschütterte die halbe Welt, aber naturgemäß nicht lange.

Die freiwilligen Hüterinnen kehrten bald in ihre Länder heim, soweit sie nicht andere Ziele begehrenswerter fanden. Die Gruppe der Allzumutigen wurde mit ihrem Hauptschiff versehentlich von der französischen Marine versenkt, und für das Wiedereinfangen der Tiere fehlte es an Geld.

Der König musste schließlich Soldaten zu Hirten und Hegern bestimmen, und das verunsicherte sie in ihrem kriegerischen Selbstverständnis. Sie mühten sich aber in intensivem Zusammenwirken mit den dort verbliebenen Frauen, eine auch den Zeitungen nennenswert erscheinende, erfreulich wachsende Einwohnerzahl auf jener Insel zu sichern.

Aber die Wachteln, die Rebhühner und die Mastgänse lagen dem Volk am Herzen und beschäftigten anhaltend die Fantasie der Bürger. Und weil Gelehrte im Staatsdienst den nach der Fasszündung niedergegangenen Feuerregen nicht nur als völlig ungefährlich, sondern, die Fruchtbarkeitswelle diente ihnen als Beweis, als sogar geheimnisvoll stärkend bezeichnet hatten, wurde die Inselgruppe zunehmend das Ziel von Vergnügungsreisenden, aber auch von Kaufleuten und Vermittlern aller Art, die künftigen Interessenten vorauseilten. Sie fanden es alle lohnend, dort fantasievoll ihr Geld anzulegen.

Nach erstaunlich kurzer Zeit hatte sich in dem feuchtheißen Klima eine ganz neue Kultur und Zivilisationsstufe mit großer Anziehungskraft auf ausreichend vermögende Europäer und Amerikaner entwickelt; sogar Araber und Asiaten zeigten Interesse.

Ich war längst wieder zurück in Konstantinopel, als wir erfuhren, dass den König eine späte Nachwirkung seiner Knallpolitik tief getroffen hatte: Eine der zeitweiligen Gänsehüterinnen hatte ihre Beliebtheit bei den Mitbürgern so klug ausweiten können, dass sie eines Tages Nachfolgerin des Königs wurde – natürlich nicht auf dem Thron, aber bei den dort seit langem üblichen Umfragen nach den beliebtesten Persönlichkeiten.

Über diesen Ansehensverlust soll sich der Herrscher so geärgert haben, dass er einmal sogar mit seinem Rücktritt gedroht hatte. Außerdem soll er, was keines seiner Landeskinder verstand und verzieh, Gänse, Wachteln und Rebhühner von der Hofspeisekarte gestrichen haben. Mächtige opfern in manchen Situationen viel Schwächere – ein uralter heidnischer Brauch.

Verehrte Damen, liebe Freunde, ihr erinnert euch vielleicht, dass sich König Jacques zuletzt nicht mehr auf das Mitleid oder gar auf die Dankbarkeit seiner Untertanen verlassen konnte. Die fanden immer mehr Gefallen an neuen Regierungsformen. Sie hatten auch immer noch anderen, unerschöpflichen Redestoff beim Essen, Trinken und Lieben.

Was ich an Erinnerungswürdigem sonst noch in diesem liebenswerten Land und mit seinen Bewohnerinnen und natürlich auch mit seinen Männern erlebte, erzähle ich euch an einem anderen Abend. Lasst uns aber jetzt schon auf das Wohl dieses von Gott so sichtbar geliebten und liebenswerten Volkes trinken, von dem wir noch vieles lernen können!

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
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