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Das Geschenk des Zauberers
Der Missionar verbrachte die Nächte auf dem Schiff. Ich musste
mich auf eine kurze Abschiedszeit einstellen. Am Abend lud ich den
Zauberer in unsere Hütte. Mit ihm, Tuka Tuka und meinen vier
Frauen führte ich ein mich sehr aufregendes Gespräch – wie
gewohnt, mit „Händen und Füßen“, in Zeichensprache und
mit Zeichnungen; wunderbarerweise haben sie mich offensichtlich
verstanden und meinem Angebot begeistert und gerührt zugestimmt.
Es war für alle Beteiligten sehr aufregend, als der Zauberer auf
meine Bitte hin sehr zögerlich ein in einer Flamme
geläutertes Messer nahm und zwei kleine Schnitte in eine von mir
gekennzeichnete Bauchstelle machte. Alle staunten ungläubig, als
eine goldene Kapsel sichtbar wurde, meine dritte. Ich ließ sie
Tuka Tuka mit dem Mund heraussaugen.
Es wurde unversehens eine besondere Zeremonie, als ich die Kapsel
öffnete und den Inhalt mit einem Blasrohr auf die fünf
Frauen, zugegeben, wegen meiner innigen Beziehung zu Tuka Tuka etwas
ungleich „verteilte“ – und dieser ungewöhnlichen Handlung danach
sofort die uns allen vertrautere Form der körperlichen Liebe
folgen ließ.
Tuka Tuka und eine Frau aus meiner Hütte machten mir klar, dass es
bei ihnen in dieser Nacht ein sehr günstiger Zeitpunkt für
unsere Aktion war. Ich sage Euch: das war eine herausragend
glücklich machende Stunde und ich habe heute noch die
Trommelrhythmen im Ohr, die uns ein Dorfmusikant in dieser Nacht als
Begleitung zu unserem Liebestaumel schenkte!
Es schien wirklich ein besonderer Zauber über dieser Nacht zu
liegen und ihr könnt euch nicht vorstellen, wie die Frauen singend
und uns alle umarmend ihre Freude zeigten. Sie wollten auch den
Zauberer und mich in einen Tanz ziehen, aber das verhinderte ich, weil
ich mich, wahrscheinlich unnötig, um den glücklich
eingebrachten Samen im Schoß der Frauen sorgte.
Etwas mich sehr Bewegendes erlebte ich noch ganz zum Schluss: Tuka Tuka
erschien tags darauf in Begleitung des Häuptlings und Zauberers,
als ich gerade ins Boot steigen wollte. „Waikana Limu“, rief sie,
diesen Namen hatten mir die Insulaner zu Anfang meines Hierseins
gegeben (ich weiß immer noch nicht, was das bedeutet) und lief
von der kleinen Anhöhe auf mich zu. Oben stand der Häuptling
und hob grüßend mehrmals seinen Federstab.
Tuka Tuka war außer Atem, als sie mich erreichte. Sie trug etwas
seltsam Geformtes vor sich auf den Händen, offensichtlich ein
Abschiedsgeschenk des Zauberers; es war von einem bunten Batiktuch
umhüllt.
Ich nahm es so und küsste diese begabte Verführerin, die ja
zu meinen eifrigsten „Schülerinnen“ gehörte, dankbar und wie
ich es ihnen als Brauch der zivilisierten Welt gezeigt hatte.
„Rechts-links-rechts-links-Mund“ küssten die Männer und die
Frauen nach einer andächtigen Pause mit Sekundenabstand danach
umgekehrt. Dieser Brauch hatte sich unerwartet schnell bei dem
Inselvölkchen verbreitet, übrigens mit der von den Insulanern
selbst erfundenen Variante bei Frauen und Männern mit einem
intensiven Zungenkuss und einem beiderseitigem ganz natürlich
wirkendem Berührungsgriff in die von der Natur erfreulich
liebevoll ausgestatteten „Dreiecke des Lebens“. So nahm auch diese
Blütengeschmückte einen innigen letzten Abschied von mir.
Ich stieg mit dem Geschenk ins Boot, das ein Matrose abstieß, und
da lief uns Tuka Tuka noch einmal durchs Wasser nach. Ihr Kuss wurde
durch eine Welle verhindert; sie konnte mit ihren verführerischen
großen Lippen leider nur meine Wange berühren. Ich winkte
lange zurück. Die Frauen am Ufer sangen und winkten wie ganz am
Anfang mit ihren Baströckchen – ein tränenverschwommenes
Bild.
Die Matrosen waren sichtlich neugierig darauf, wie mein
Abschiedsgeschenk aussah, aber ich sah auch selbst nicht nach und
wickelte das Batiktuch noch fester um den unförmigen Gegenstand
herum. Ich konnte auch meine Neugier schwer unterdrücken.
Als wir am Schiff beilegten und ich am Fallreep hoch musste, hatte ich
das überraschend leichte Geschenk mit dem Tuch so umwickelt, dass
ich die Tuchzipfel zwischen die Zähne nehmen konnte, denn mit
einer Hand können nur wenige auf der Seilleiter an einer
Schiffswand hochklettern.
Ein Offizier salutierte und der Fallreepspfiff des Bootmannsmaates
klang wieder heimisch in meinen Ohren. Der Kapitän
begrüßte mich und wies einen Maat an, mich zu einer freien
Hängematte zu begleiten. Dort legte ich meine Sachen ab, legte
eine Decke darüber und ging schnell wieder hinauf an Deck zum
Kapitän. Und noch immer sah ich meine mir so liebgewordenen
Inselfreunde am Ufer winken.
Ich wurde zu einer Mahlzeit eingeladen, ging vorher noch kurz hinunter
zu meinem Gepäck und wickelte das Geschenk endlich aus. Zwei
Matrosen, wahrscheinlich Malaien, beobachteten mich. Ich stellte mich
so, dass sie wenig sehen konnten. Ich musste aber auch in der
schummrigen Dunkelheit mehr abtasten als ich mit den Augen wahrnehmen
konnte. Ich fühlte eine große trichterförmige Muschel,
die von einem merkwürdigen Geflecht umgeben war.
Nach dem von wenig Gespräch begleitetem Essen legte ich mich bald
in die Hängematte und nahm die Muschel in den Arm. Meine Nachbarn
sahen mich giftig an; sie werden nachgeschaut haben und das
Strauchgeflecht hatte sie vielleicht mit seinen Dornen überrascht.
Ich spürte die Dornen nicht; sollte der Zauberer eine Abwehr gegen
Fremde vorgesehen haben? Ich hielt die flache Öffnung des
Muschelgehäuses an mein Ohr – und erschrak über das, was ich
in einem Rauschen hörte: Es war die Stimme meiner Mutter, die ich
seit Jahrzehnten höchstens noch einmal in einem Traum gehört
hatte. Ganz deutlich sagte meine Mutter: „Junge, ich passe jetzt wieder
ein bisschen auf dich auf. Die Kerle tun dir nichts. Schlaf jetzt erst
mal. Bis morgen, gute Nacht!“
Merkwürdig: obwohl das Gehörte doch umwerfend aufregend
für mich war, schlief ich sofort ein, die Muschel fest im Arm.
Nachts wachte ich auf, weil ich in der stickigen Luft kaum atmen
konnte.
Bisher hatte ich jede Nacht in der nur von luftigen Matten umgrenzten
Bambushütte geschlafen, immer spürbar umgeben von sich
liebevoll an mich schmiegenden Insulanerinnen, die ich jetzt
schmerzhaft entbehren musste.
Ich hob die Muschel an mein Ohr – und konnte es wieder nicht fassen: Im
Hintergrund hörte ich das Schnarchen und die lauten
Verdauungsgeräusche der Matrosen, aber aus der Muschel kam die
süß verschlafene Stimme von Mahajusha und zugleich die von
Tuka Tuka, sie hatte sehr verwirrend einen ägyptischen Akzent:
„Komm doch wieder zu mir, ich kann gar nicht schlafen, wenn du nicht
neben mir liegst. Außerdem hast du meine Brüste noch gar
nicht zur Nacht geküsst – das vermissen sie sehr…“
Zum Glück waren ihre Stimmen leise, und die Matrosen, die nach
asiatischer Matrosengewohnheit ihre traditionell so genannten
„Holländischen Ehefrauen“ aus Stoff und Leder fest umschlungen
hielten, hatten einen festen Schlaf. Ich schlief mit seligen Gedanken
wieder ein. Als ich wach wurde, war meine Muschel verschwunden. In den
Gesichtern der Matrosen meinte ich ein Grinsen zu erkennen. Aber was
konnte ich unternehmen? Ich war zornig und traurig.
In der folgenden Nacht träumte ich von der Muschel. Und da
hörte ich eine männliche Stimme, die mir ein fabelhaftes
Geheimnis mitteilte: „Du brauchst das Gehäuse der Muschel gar
nicht. Halte deine Ohren ganz fest zu und denke intensiv an einen
bestimmten Menschen, und schließe die Augen zum inneren Schauen.
Und vergiss nicht, dabei…“
Dieses alles bisher Erlebte übertreffende Wunder, bei dem sich wie
von selbst lebensechte Bilder auftaten, behalte ich doch lieber
für mich, denn ihr habt ja nichts davon und ich brauche es noch.
Wenn ihr enttäuscht seid, lasst euch von diesem samtigen Rotwein
trösten…
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