Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Das Geschenk des Zauberers

Der Missionar verbrachte die Nächte auf dem Schiff. Ich musste mich auf eine kurze Abschiedszeit einstellen. Am Abend lud ich den Zauberer in unsere Hütte. Mit ihm, Tuka Tuka und meinen vier Frauen führte ich ein mich sehr aufregendes Gespräch – wie gewohnt, mit „Händen und Füßen“, in Zeichensprache und mit Zeichnungen; wunderbarerweise haben sie mich offensichtlich verstanden und meinem Angebot begeistert und gerührt zugestimmt.

Es war für alle Beteiligten sehr aufregend, als der Zauberer auf meine Bitte hin sehr zögerlich ein in einer Flamme geläutertes Messer nahm und zwei kleine Schnitte in eine von mir gekennzeichnete Bauchstelle machte. Alle staunten ungläubig, als eine goldene Kapsel sichtbar wurde, meine dritte. Ich ließ sie Tuka Tuka mit dem Mund heraussaugen.

Es wurde unversehens eine besondere Zeremonie, als ich die Kapsel öffnete und den Inhalt mit einem Blasrohr auf die fünf Frauen, zugegeben, wegen meiner innigen Beziehung zu Tuka Tuka etwas ungleich „verteilte“ – und dieser ungewöhnlichen Handlung danach sofort die uns allen vertrautere Form der körperlichen Liebe folgen ließ.

Tuka Tuka und eine Frau aus meiner Hütte machten mir klar, dass es bei ihnen in dieser Nacht ein sehr günstiger Zeitpunkt für unsere Aktion war. Ich sage Euch: das war eine herausragend glücklich machende Stunde und ich habe heute noch die Trommelrhythmen im Ohr, die uns ein Dorfmusikant in dieser Nacht als Begleitung zu unserem Liebestaumel schenkte!

Es schien wirklich ein besonderer Zauber über dieser Nacht zu liegen und ihr könnt euch nicht vorstellen, wie die Frauen singend und uns alle umarmend ihre Freude zeigten. Sie wollten auch den Zauberer und mich in einen Tanz ziehen, aber das verhinderte ich, weil ich mich, wahrscheinlich unnötig, um den glücklich eingebrachten Samen im Schoß der Frauen sorgte.

Etwas mich sehr Bewegendes erlebte ich noch ganz zum Schluss: Tuka Tuka erschien tags darauf in Begleitung des Häuptlings und Zauberers, als ich gerade ins Boot steigen wollte. „Waikana Limu“, rief sie, diesen Namen hatten mir die Insulaner zu Anfang meines Hierseins gegeben (ich weiß immer noch nicht, was das bedeutet) und lief von der kleinen Anhöhe auf mich zu. Oben stand der Häuptling und hob grüßend mehrmals seinen Federstab.

Tuka Tuka war außer Atem, als sie mich erreichte. Sie trug etwas seltsam Geformtes vor sich auf den Händen, offensichtlich ein Abschiedsgeschenk des Zauberers; es war von einem bunten Batiktuch umhüllt.

Ich nahm es so und küsste diese begabte Verführerin, die ja zu meinen eifrigsten „Schülerinnen“ gehörte, dankbar und wie ich es ihnen als Brauch der zivilisierten Welt gezeigt hatte.

„Rechts-links-rechts-links-Mund“ küssten die Männer und die Frauen nach einer andächtigen Pause mit Sekundenabstand danach umgekehrt. Dieser Brauch hatte sich unerwartet schnell bei dem Inselvölkchen verbreitet, übrigens mit der von den Insulanern selbst erfundenen Variante bei Frauen und Männern mit einem intensiven Zungenkuss und einem beiderseitigem ganz natürlich wirkendem Berührungsgriff in die von der Natur erfreulich liebevoll ausgestatteten „Dreiecke des Lebens“. So nahm auch diese Blütengeschmückte einen innigen letzten Abschied von mir.

Ich stieg mit dem Geschenk ins Boot, das ein Matrose abstieß, und da lief uns Tuka Tuka noch einmal durchs Wasser nach. Ihr Kuss wurde durch eine Welle verhindert; sie konnte mit ihren verführerischen großen Lippen leider nur meine Wange berühren. Ich winkte lange zurück. Die Frauen am Ufer sangen und winkten wie ganz am Anfang mit ihren Baströckchen – ein tränenverschwommenes Bild.

Die Matrosen waren sichtlich neugierig darauf, wie mein Abschiedsgeschenk aussah, aber ich sah auch selbst nicht nach und wickelte das Batiktuch noch fester um den unförmigen Gegenstand herum. Ich konnte auch meine Neugier schwer unterdrücken.

Als wir am Schiff beilegten und ich am Fallreep hoch musste, hatte ich das überraschend leichte Geschenk mit dem Tuch so umwickelt, dass ich die Tuchzipfel zwischen die Zähne nehmen konnte, denn mit einer Hand können nur wenige auf der Seilleiter an einer Schiffswand hochklettern.

Ein Offizier salutierte und der Fallreepspfiff des Bootmannsmaates klang wieder heimisch in meinen Ohren. Der Kapitän begrüßte mich und wies einen Maat an, mich zu einer freien Hängematte zu begleiten. Dort legte ich meine Sachen ab, legte eine Decke darüber und ging schnell wieder hinauf an Deck zum Kapitän. Und noch immer sah ich meine mir so liebgewordenen Inselfreunde am Ufer winken.

Ich wurde zu einer Mahlzeit eingeladen, ging vorher noch kurz hinunter zu meinem Gepäck und wickelte das Geschenk endlich aus. Zwei Matrosen, wahrscheinlich Malaien, beobachteten mich. Ich stellte mich so, dass sie wenig sehen konnten. Ich musste aber auch in der schummrigen Dunkelheit mehr abtasten als ich mit den Augen wahrnehmen konnte. Ich fühlte eine große trichterförmige Muschel, die von einem merkwürdigen Geflecht umgeben war.

Nach dem von wenig Gespräch begleitetem Essen legte ich mich bald in die Hängematte und nahm die Muschel in den Arm. Meine Nachbarn sahen mich giftig an; sie werden nachgeschaut haben und das Strauchgeflecht hatte sie vielleicht mit seinen Dornen überrascht.

Ich spürte die Dornen nicht; sollte der Zauberer eine Abwehr gegen Fremde vorgesehen haben? Ich hielt die flache Öffnung des Muschelgehäuses an mein Ohr – und erschrak über das, was ich in einem Rauschen hörte: Es war die Stimme meiner Mutter, die ich seit Jahrzehnten höchstens noch einmal in einem Traum gehört hatte. Ganz deutlich sagte meine Mutter: „Junge, ich passe jetzt wieder ein bisschen auf dich auf. Die Kerle tun dir nichts. Schlaf jetzt erst mal. Bis morgen, gute Nacht!“

Merkwürdig: obwohl das Gehörte doch umwerfend aufregend für mich war, schlief ich sofort ein, die Muschel fest im Arm. Nachts wachte ich auf, weil ich in der stickigen Luft kaum atmen konnte.

Bisher hatte ich jede Nacht in der nur von luftigen Matten umgrenzten Bambushütte geschlafen, immer spürbar umgeben von sich liebevoll an mich schmiegenden Insulanerinnen, die ich jetzt schmerzhaft entbehren musste.

Ich hob die Muschel an mein Ohr – und konnte es wieder nicht fassen: Im Hintergrund hörte ich das Schnarchen und die lauten Verdauungsgeräusche der Matrosen, aber aus der Muschel kam die süß verschlafene Stimme von Mahajusha und zugleich die von Tuka Tuka, sie hatte sehr verwirrend einen ägyptischen Akzent: „Komm doch wieder zu mir, ich kann gar nicht schlafen, wenn du nicht neben mir liegst. Außerdem hast du meine Brüste noch gar nicht zur Nacht geküsst – das vermissen sie sehr…“

Zum Glück waren ihre Stimmen leise, und die Matrosen, die nach asiatischer Matrosengewohnheit ihre traditionell so genannten „Holländischen Ehefrauen“ aus Stoff und Leder fest umschlungen hielten, hatten einen festen Schlaf. Ich schlief mit seligen Gedanken wieder ein. Als ich wach wurde, war meine Muschel verschwunden. In den Gesichtern der Matrosen meinte ich ein Grinsen zu erkennen. Aber was konnte ich unternehmen? Ich war zornig und traurig.

In der folgenden Nacht träumte ich von der Muschel. Und da hörte ich eine männliche Stimme, die mir ein fabelhaftes Geheimnis mitteilte: „Du brauchst das Gehäuse der Muschel gar nicht. Halte deine Ohren ganz fest zu und denke intensiv an einen bestimmten Menschen, und schließe die Augen zum inneren Schauen. Und vergiss nicht, dabei…“

Dieses alles bisher Erlebte übertreffende Wunder, bei dem sich wie von selbst lebensechte Bilder auftaten, behalte ich doch lieber für mich, denn ihr habt ja nichts davon und ich brauche es noch. Wenn ihr enttäuscht seid, lasst euch von diesem samtigen Rotwein trösten…

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
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