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Dagmars unwiderstehliche
Strategie
Meine Seereise nach Dänemark war niederschmetternd unergiebig. Die
Fahrt war stürmisch verlaufen, die Orientierung in den
dänischen Gewässern war schwierig und unerfreulich, weil wir
in zwei Nothäfen an mürrische Seebären geraten waren,
und zudem hatte sich unser Koch als sauffreudiger Stümper
erwiesen. Es regnete seit Wochen unaufhörlich und heftig, kurz,
wir waren missgelaunt und sahen alles trübe. Endlich am Ziel,
fanden mit mir noch zwei Männer aus meiner Begleitgruppe die
dortige Königstochter dünn und reizlos. Ihre schmalen
Hüften sahen für uns wenig gebärfähig aus. Auch
unsere für eingehende Untersuchungen mitgeführten Ärzte
hielten die geplante medizinische Mühe gar nicht für
nötig.
Gegen den Rat unseres Botschafters täuschte ich den Ausbruch einer
Krankheit vor, die man für die Pest halten konnte. Trotz ihrer
Enttäuschung schienen daraufhin alle erleichtert, dass wir so
rasch wie möglich abreisen wollten.
Nein, so dachten nicht alle: Prinzessin Dagmar hatte beschlossen, ihre
Chancen für eine vorteilhafte Vermählung nicht kampflos
aufzugeben. Ich weiß nicht, wie sie das durchgesetzt hat, aber
wir wurden nach wenigen Stunden von drei Kriegsschiffen gestoppt und
vor einer kleinen Insel, die wir vorher gar nicht bemerkt hatten, zur
Landung gezwungen.
Ein Kapitän und drei Offiziere kamen mit einem Boot an Bord und
überbrachten einen Brief der Prinzessin. Sie warnte uns vor einem
aufkommenden Orkan und lud mich ein, mit meiner Begleitung noch
für einige Tage ihre Gäste zu sein. Sie hatte ein Schloss auf
der Insel, vor der wir ankerten. Zur Begrüßung brachten die
Weißbemützten zwei große Körbe mit
Champagnerflaschen mit.
Ich bat die Herren zu einer gehaltvollen Zwischenmahlzeit und einem
ausgiebigen Stärkungstrunk in meine Kajüte und beriet mich
derweil draußen mit meiner Reisegesellschaft. Wir wurden uns
schnell in der Einschätzung einig, dass die auffällig
höfliche und zuvorkommend ausgedrückte Einladung der
Prinzessin in Zusammenhang mit den drei uns im Fahrweg stehenden
Kriegsschiffen gewertet werden musste. Zeit hatten wir ja, also
stimmten wir zu. Und nun erlebten wir eine Bewegung, für die wir
noch kein passendes Wort wussten: es war ein fantastischer Erfolg
für die Prinzessin, die mit ihrer Handlungsweise wahrscheinlich
eine neue Beeinflussungsart erfunden hatte.
Zunächst wurde wirklich jeder und jede in meiner Truppe mit
äußerster Fürsorge empfangen und umsorgt. Allen
Männern wurden junge, charmante Frauen als persönliche
Begleiterinnen vorgestellt, den Damen auf Wunsch je eine Frau oder ein
Mann, die erklärtermaßen nichts mehr wünschten, als
ihren Gästen jeden Wunsch rund um die Uhr zu erfüllen. Die
Frauen trugen als Oberbekleidung Ketten aus Seidenblumen zu
hauchdünnen Röcken; die für unsere zwei Damen
bereitgehaltenen muskulösen Männer hatten ein Piratentuch um
den Hals und ein Bärenfell um die Hüften – so, als wären
wir eher unterhalb des Äquators in brütender Hitze. Zu ihrer
Enttäuschung wurden sie von unseren Damen nicht gebraucht.
Ich fand die Inszenierung etwas seicht, aber ich beobachtete, wie meine
Begleiter das ihnen zugedachte ungewöhnliche Angebot aufnahmen:
alle waren geschmeichelt und als ich sah, wie einige Männer die
Figur der jeweiligen Dame abschätzten, ahnte ich, das dies ein
besonderes Abenteuer werden würde.
Wir mochten auch den Champagner. Das Schloss schien damit
angefüllt zu sein. Er war in jedem Zimmer reichlich vorhanden,
immer erfrischend gekühlt, und dazu gab es immer knuspriges
Weißbrot, Käse, Kaviar und südländisches Obst.
Dies alles genossen wir besonders nach unseren enttäuschenden
Kombüsen-Erfahrungen.
Unerwartet bald nach meiner Ankunft und in einer absolut
unmöglichen, aber deswegen auch wieder signalhaften Situation
bekam ich meine erste Audienz-Einladung von der Prinzessin. Ich war
schon eine Weile nicht mehr nüchtern...
Dagmar empfing mich in einem überwarmen Ruheraum neben der von mir
und meinen Gefährten samt unseren persönlichen Helferinnen
gerade genossenen Sauna. Wir hatten sie nicht unter uns bemerkt und ich
erkannte sie erst außerhalb der Dampfnebelschwaden. Die sie
begleitenden Frauen zogen sich zurück.
Prinzessin Dagmar war wie ich in ein Badetuch gehüllt und hielt
zwei Gläser mit Champagner in den Händen. Zuvor aber hielt
sie mir wie einem vertrauten Freund ihre Wangen zu Küssen hin. Es
war eine merkwürdig prickelnde Atmosphäre, es rauschte in
mir, mein Kopf war vernebelt, ich küsste nicht nur wie in Trance
ihre Wangen rechts, links, rechts, und dann ihre geöffneten
Lippen, ich öffnete auch andächtig ihr vor der Brust
eingeschlagenes Badetuch und küsste langsam und ehrerbietig die
große, perfekt runde Rosette ihrer linken Brust, die leicht und
trotz der Hitze kühl in meiner Hand ruhte. Ein liebreizendes Bild!
Ich musste gleich noch einmal und jetzt beide Knospen küssen, die
sich prall und erwartungsvoll aufstülpten. Wir blickten uns ernst
und erkennend, aber immer noch schweigend in die Augen; ihr Tuch war
herab gefallen, meines wohl schon vorher, sie gab mir ein Glas und wir
ließen die Gläser zusammenklingen.
Da standen unsere Körper aber schon sehr nahe zusammen, es gab nur
noch einen sozusagen gewachsenen Abstand -anfangs, und dann habe ich
sie langsam in die Arme und ihren Schoß und ihren mir
offensichtlich wohlgesonnenen festen Hintern höher genommen – und
fand mich innig aufgenommen und willkommen. Während wir uns
verzehrend küssten, suchte und fand ich, von ihr kraftvoll
geleitet, den zauberhaften, engen, tiefen Weg in den Ursprung des
Lebens und fühlte mich wie in den ja auch hängenden
Wundergärten der Semiramis.
Als ich wieder einen Lichtblick hatte im mich umtosenden Strudel,
saß sie mit ausgebreiteten Armen champagnerbenetzt auf mir, mit
geschlossenen Augen glücklich lächelnd; wir waren innig
vereint, und ihr blondgelocktes, aufregend zotteliges Haar fiel bis
tief über ihre zierlichen Brüste mit den mich sowieso immer
begeisternden großen und runden Rosetten herab.
Und Dagmar sang. Ihre Stimme klang dunkel und warm und seither bin ich
von Altstimmen bezaubert.
Ich blieb vier Tage mit Dagmar allein in ihren Gemächern, nein,
nicht ganz allein: ihre Dienerinnen huschten vorbei, brachten Speisen
und Getränke und schafften unauffällig etwas Ordnung. Als
sonst Einziger hatte unser Maler Tag und Nacht Zugang zu uns, weil er
ja einen festen Dokumentationsauftrag hatte. Wenn er mich bat, mich
für einen Augenblick aus Dagmars Umarmung zu lösen,
betrachtete ich sie staunend und mit der wachsenden Gewissheit, von
dieser Frau verzaubert worden zu sein. Der Maler durfte alle Szenen
festhalten, aber einige Male bekam er von ihr oder von mir eine Decke
über den Kopf geworfen, wenn wir etwas für uns behalten und
auskosten wollten; das war nicht selten.
Dagmar sang. Und ich wurde süchtig nach ihren Liedern. Nur nach
ihren Liedern? Liebgewordene Damen und meine Freunde, ich kann das
immer noch nicht nüchtern erklären: Ich erlebte diese Frau
nicht nur als Person, sondern irgendwie für mich jedenfalls damals
unerklärbar, weil noch nie so erlebt, auch „räumlich“ als
Zirkus, als Karussell, als Vulkan, als Geysir, als durchziehende
Theatertruppe, als Hexentanzplatz…
Wir spielten rasch entworfene klassische und erfundene Szenen,
überboten uns in fantastischen Spielen mit improvisierten
Kostümen, vertrauenswürdigen Statisten und verfremdender
Dekoration – und alles endete immer in einem erotischem Sturm, der uns
beiden schier die Luft nahm.
Diese unvergleichbar wunderreiche Frau hatte ich für zu dünn
und schwach und kalt gehalten, für reizlos und langweilig! Und das
grüne Dänemark hatte ich für eine nasskalte Inselgruppe
gehalten, auf der die Nordmenschen tiefverhüllt immerzu frieren,
freudlos dahinleben und nie etwas zum Lachen finden.
Diesen voreiligen Fehler bereue ich und würde ihn gern wieder
gutmachen. Ich habe mich bei Dagmar entschuldigt und ich entschuldige
mich auch jetzt noch nachträglich im Namen meiner Begleitung
für meine frühen Fehlurteile bei allen Dänen und bei all
denen, denen die Dänen und die den Dänen lieb und teuer
sind...
Am Morgen des fünften Tages weckte mich Eve-Marie auf ihre und
meine Lieblingsart: sie schlüpfte ohne ihr Nachtgewand zu mir und
legte es darauf an, sich behutsam in meinen Traum zu drängen.
Meistens gelang dies und wir wurden noch im Traum eins und ich durfte
mich in ihrem unergründbaren, mich immer verzaubernden Schoß
zuhause fühlen.
Als ich später die Fensterläden aufstieß, sah ich, dass
die dänischen Schiffe fehlten. Dagmar war ohne Abschied aus meinem
Leben gegangen, und, als hätte es meine Zeit mit Dagmar nicht
gegeben, war Eve-Marie wieder da. Ob die Frauen sich verständigt
hatten? Was wissen wir schon von Frauengeheimnissen! Ich wollte ihr
Dunkel nie durchdringen.
Eve-Marie war wieder an meiner Seite und ganz von selbst fanden unsere
von der allwissenden Natur dafür vorgesehenen
Berührungsflächen wieder zueinander. Wir lächelten uns
an; die Diener brachten ein opulentes Frühstück, wir
tauschten kleine und natürlich auch größere
Zärtlichkeiten aus und wurden uns wortlos und für lange Zeit
auf diese Weise einig, dass wir viel nachzuholen hatten.
Stunden später, schon auf hoher See, las ich der Gräfin die
erste Fassung meines Berichts an den König vor. Sie lachte: „Wenn
du das so deutlich befangen berichtest, wird man dich hängen.“ Ich
formulierte also alles vorsichtiger.
Ein halbes Jahr später wurde in Paris eine glanzvolle Verlobung
gefeiert. Ich saß weit vom hohen Paar entfernt und konnte einmal
nur kurz in Dagmars Nähe kommen. Ich war nicht sicher, ob sie mich
bemerkt hatte, aber dann hörte ich trotz des Tanzlärms ein
Champagnerglas zersplittern. Für mich war es ein heimlicher
Gruß.
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