Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Dagmars unwiderstehliche Strategie

Meine Seereise nach Dänemark war niederschmetternd unergiebig. Die Fahrt war stürmisch verlaufen, die Orientierung in den dänischen Gewässern war schwierig und unerfreulich, weil wir in zwei Nothäfen an mürrische Seebären geraten waren, und zudem hatte sich unser Koch als sauffreudiger Stümper erwiesen. Es regnete seit Wochen unaufhörlich und heftig, kurz, wir waren missgelaunt und sahen alles trübe. Endlich am Ziel, fanden mit mir noch zwei Männer aus meiner Begleitgruppe die dortige Königstochter dünn und reizlos. Ihre schmalen Hüften sahen für uns wenig gebärfähig aus. Auch unsere für eingehende Untersuchungen mitgeführten Ärzte hielten die geplante medizinische Mühe gar nicht für nötig.

Gegen den Rat unseres Botschafters täuschte ich den Ausbruch einer Krankheit vor, die man für die Pest halten konnte. Trotz ihrer Enttäuschung schienen daraufhin alle erleichtert, dass wir so rasch wie möglich abreisen wollten.

Nein, so dachten nicht alle: Prinzessin Dagmar hatte beschlossen, ihre Chancen für eine vorteilhafte Vermählung nicht kampflos aufzugeben. Ich weiß nicht, wie sie das durchgesetzt hat, aber wir wurden nach wenigen Stunden von drei Kriegsschiffen gestoppt und vor einer kleinen Insel, die wir vorher gar nicht bemerkt hatten, zur Landung gezwungen.

Ein Kapitän und drei Offiziere kamen mit einem Boot an Bord und überbrachten einen Brief der Prinzessin. Sie warnte uns vor einem aufkommenden Orkan und lud mich ein, mit meiner Begleitung noch für einige Tage ihre Gäste zu sein. Sie hatte ein Schloss auf der Insel, vor der wir ankerten. Zur Begrüßung brachten die Weißbemützten zwei große Körbe mit Champagnerflaschen mit.

Ich bat die Herren zu einer gehaltvollen Zwischenmahlzeit und einem ausgiebigen Stärkungstrunk in meine Kajüte und beriet mich derweil draußen mit meiner Reisegesellschaft. Wir wurden uns schnell in der Einschätzung einig, dass die auffällig höfliche und zuvorkommend ausgedrückte Einladung der Prinzessin in Zusammenhang mit den drei uns im Fahrweg stehenden Kriegsschiffen gewertet werden musste. Zeit hatten wir ja, also stimmten wir zu. Und nun erlebten wir eine Bewegung, für die wir noch kein passendes Wort wussten: es war ein fantastischer Erfolg für die Prinzessin, die mit ihrer Handlungsweise wahrscheinlich eine neue Beeinflussungsart erfunden hatte.

Zunächst wurde wirklich jeder und jede in meiner Truppe mit äußerster Fürsorge empfangen und umsorgt. Allen Männern wurden junge, charmante Frauen als persönliche Begleiterinnen vorgestellt, den Damen auf Wunsch je eine Frau oder ein Mann, die erklärtermaßen nichts mehr wünschten, als ihren Gästen jeden Wunsch rund um die Uhr zu erfüllen. Die Frauen trugen als Oberbekleidung Ketten aus Seidenblumen zu hauchdünnen Röcken; die für unsere zwei Damen bereitgehaltenen muskulösen Männer hatten ein Piratentuch um den Hals und ein Bärenfell um die Hüften – so, als wären wir eher unterhalb des Äquators in brütender Hitze. Zu ihrer Enttäuschung wurden sie von unseren Damen nicht gebraucht.

Ich fand die Inszenierung etwas seicht, aber ich beobachtete, wie meine Begleiter das ihnen zugedachte ungewöhnliche Angebot aufnahmen: alle waren geschmeichelt und als ich sah, wie einige Männer die Figur der jeweiligen Dame abschätzten, ahnte ich, das dies ein besonderes Abenteuer werden würde.

Wir mochten auch den Champagner. Das Schloss schien damit angefüllt zu sein. Er war in jedem Zimmer reichlich vorhanden, immer erfrischend gekühlt, und dazu gab es immer knuspriges Weißbrot, Käse, Kaviar und südländisches Obst. Dies alles genossen wir besonders nach unseren enttäuschenden Kombüsen-Erfahrungen.

Unerwartet bald nach meiner Ankunft und in einer absolut unmöglichen, aber deswegen auch wieder signalhaften Situation bekam ich meine erste Audienz-Einladung von der Prinzessin. Ich war schon eine Weile nicht mehr nüchtern...

Dagmar empfing mich in einem überwarmen Ruheraum neben der von mir und meinen Gefährten samt unseren persönlichen Helferinnen gerade genossenen Sauna. Wir hatten sie nicht unter uns bemerkt und ich erkannte sie erst außerhalb der Dampfnebelschwaden. Die sie begleitenden Frauen zogen sich zurück.

Prinzessin Dagmar war wie ich in ein Badetuch gehüllt und hielt zwei Gläser mit Champagner in den Händen. Zuvor aber hielt sie mir wie einem vertrauten Freund ihre Wangen zu Küssen hin. Es war eine merkwürdig prickelnde Atmosphäre, es rauschte in mir, mein Kopf war vernebelt, ich küsste nicht nur wie in Trance ihre Wangen rechts, links, rechts, und dann ihre geöffneten Lippen, ich öffnete auch andächtig ihr vor der Brust eingeschlagenes Badetuch und küsste langsam und ehrerbietig die große, perfekt runde Rosette ihrer linken Brust, die leicht und trotz der Hitze kühl in meiner Hand ruhte. Ein liebreizendes Bild! Ich musste gleich noch einmal und jetzt beide Knospen küssen, die sich prall und erwartungsvoll aufstülpten. Wir blickten uns ernst und erkennend, aber immer noch schweigend in die Augen; ihr Tuch war herab gefallen, meines wohl schon vorher, sie gab mir ein Glas und wir ließen die Gläser zusammenklingen.

Da standen unsere Körper aber schon sehr nahe zusammen, es gab nur noch einen sozusagen gewachsenen Abstand -anfangs, und dann habe ich sie langsam in die Arme und ihren Schoß und ihren mir offensichtlich wohlgesonnenen festen Hintern höher genommen – und fand mich innig aufgenommen und willkommen. Während wir uns verzehrend küssten, suchte und fand ich, von ihr kraftvoll geleitet, den zauberhaften, engen, tiefen Weg in den Ursprung des Lebens und fühlte mich wie in den ja auch hängenden Wundergärten der Semiramis.

Als ich wieder einen Lichtblick hatte im mich umtosenden Strudel, saß sie mit ausgebreiteten Armen champagnerbenetzt auf mir, mit geschlossenen Augen glücklich lächelnd; wir waren innig vereint, und ihr blondgelocktes, aufregend zotteliges Haar fiel bis tief über ihre zierlichen Brüste mit den mich sowieso immer begeisternden großen und runden Rosetten herab.

Und Dagmar sang. Ihre Stimme klang dunkel und warm und seither bin ich von Altstimmen bezaubert.

Ich blieb vier Tage mit Dagmar allein in ihren Gemächern, nein, nicht ganz allein: ihre Dienerinnen huschten vorbei, brachten Speisen und Getränke und schafften unauffällig etwas Ordnung. Als sonst Einziger hatte unser Maler Tag und Nacht Zugang zu uns, weil er ja einen festen Dokumentationsauftrag hatte. Wenn er mich bat, mich für einen Augenblick aus Dagmars Umarmung zu lösen, betrachtete ich sie staunend und mit der wachsenden Gewissheit, von dieser Frau verzaubert worden zu sein. Der Maler durfte alle Szenen festhalten, aber einige Male bekam er von ihr oder von mir eine Decke über den Kopf geworfen, wenn wir etwas für uns behalten und auskosten wollten; das war nicht selten.

Dagmar sang. Und ich wurde süchtig nach ihren Liedern. Nur nach ihren Liedern? Liebgewordene Damen und meine Freunde, ich kann das immer noch nicht nüchtern erklären: Ich erlebte diese Frau nicht nur als Person, sondern irgendwie für mich jedenfalls damals unerklärbar, weil noch nie so erlebt, auch „räumlich“ als Zirkus, als Karussell, als Vulkan, als Geysir, als durchziehende Theatertruppe, als Hexentanzplatz…

Wir spielten rasch entworfene klassische und erfundene Szenen, überboten uns in fantastischen Spielen mit improvisierten Kostümen, vertrauenswürdigen Statisten und verfremdender Dekoration – und alles endete immer in einem erotischem Sturm, der uns beiden schier die Luft nahm.

Diese unvergleichbar wunderreiche Frau hatte ich für zu dünn und schwach und kalt gehalten, für reizlos und langweilig! Und das grüne Dänemark hatte ich für eine nasskalte Inselgruppe gehalten, auf der die Nordmenschen tiefverhüllt immerzu frieren, freudlos dahinleben und nie etwas zum Lachen finden.

Diesen voreiligen Fehler bereue ich und würde ihn gern wieder gutmachen. Ich habe mich bei Dagmar entschuldigt und ich entschuldige mich auch jetzt noch nachträglich im Namen meiner Begleitung für meine frühen Fehlurteile bei allen Dänen und bei all denen, denen die Dänen und die den Dänen lieb und teuer sind...

Am Morgen des fünften Tages weckte mich Eve-Marie auf ihre und meine Lieblingsart: sie schlüpfte ohne ihr Nachtgewand zu mir und legte es darauf an, sich behutsam in meinen Traum zu drängen. Meistens gelang dies und wir wurden noch im Traum eins und ich durfte mich in ihrem unergründbaren, mich immer verzaubernden Schoß zuhause fühlen.

Als ich später die Fensterläden aufstieß, sah ich, dass die dänischen Schiffe fehlten. Dagmar war ohne Abschied aus meinem Leben gegangen, und, als hätte es meine Zeit mit Dagmar nicht gegeben, war Eve-Marie wieder da. Ob die Frauen sich verständigt hatten? Was wissen wir schon von Frauengeheimnissen! Ich wollte ihr Dunkel nie durchdringen.

Eve-Marie war wieder an meiner Seite und ganz von selbst fanden unsere von der allwissenden Natur dafür vorgesehenen Berührungsflächen wieder zueinander. Wir lächelten uns an; die Diener brachten ein opulentes Frühstück, wir tauschten kleine und natürlich auch größere Zärtlichkeiten aus und wurden uns wortlos und für lange Zeit auf diese Weise einig, dass wir viel nachzuholen hatten.

Stunden später, schon auf hoher See, las ich der Gräfin die erste Fassung meines Berichts an den König vor. Sie lachte: „Wenn du das so deutlich befangen berichtest, wird man dich hängen.“ Ich formulierte also alles vorsichtiger.

Ein halbes Jahr später wurde in Paris eine glanzvolle Verlobung gefeiert. Ich saß weit vom hohen Paar entfernt und konnte einmal nur kurz in Dagmars Nähe kommen. Ich war nicht sicher, ob sie mich bemerkt hatte, aber dann hörte ich trotz des Tanzlärms ein Champagnerglas zersplittern. Für mich war es ein heimlicher Gruß.

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
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