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Beim Sultan in
Konstantinopel
Es war mir erst kurz vor der Krim gelungen, mich von meinem Gefolge zu
lösen. Allein zu gehen war mittlerweile ungewohnt für mich;
das wurde mir bewusst, als ich am ersten Morgen im Osmanischen Reich an
Land ging. Zu meiner prächtigen weißen, goldbestickten
Uniform (die Zarin wollte, dass ich noch eindrucksvoller aussehen
sollte als der Feldmarschall) mit dem edelsteingeschmückten
Säbel trug ich meinen drei Finger breiten goldenen Stirnreif mit
den ringsum eingefassten blauen Diamanten. Ich winkte einen
älteren Jungen am Landungssteg heran, gab ihm eine kleine
international brauchbare Goldmünze und machte ihm mit Worten und
Zeichen klar, dass er die Truhe mit geheimen Papieren und Karten vor
mir her zum Topkapi tragen sollte. Er zögerte aus Angst, als ich
dieses Ziel nannte, aber eine zweite kleine Goldmünze machte ihm
wieder Mut. Die am Pier postierten Soldaten wollten mich aufhalten. Ich
wies sie mit herrischen Gebärden an, mich zu eskortieren und zum
Sultan zu führen. Das war auch praktisch, mit einer resoluten
Eskorte durch die sich auf einem Marktplatz ansammelnde Menge zu
kommen.
Endlich am Ziel musste ich dann fast fünf Stunden warten, bis mich
der Sultan näher winkte. Er war misstrauisch und hatte mit
schrägen Blicken immer wieder mal zu mir hingeschaut, während
er fast gelangweilt mit seinen Frauen tändelte. Ich bemerkte, dass
er unruhig auf dem Polster seines Kissens hin und her rutschte. Hinter
diesem Verhalten erkannte ich ein Problem an seiner allerhintersten
Körperstelle.
Meine analen Einfühlversuche gaben mir die Eingebung, mich ihm
etwas wertvoller zu machen und mich bei meiner Vorstellung juristisch
wohl unanfechtbar als langjährigen „Haupt-Admirator der
Wissenschaftlichen Heilkünste im Königreich Hannover“ und als
„Selbsternannten Hofmedicus und „Quasi-Generalarzt Ihrer Majestät
der Russischen Zarin“ vorzustellen. Ich hatte natürlich
vorausgesehen, dass der Dolmetscher überfordert war und diese
ungewohnten Bezeichnungen in der Eile mit viel wichtigeren Funktionen
wiedergegeben hat.
Der Sultan musste annehmen, dass ich seine Afterschmerzen bei einer von
mir etwas inszenierten Augendiagnose erkannt hatte; das steigerte sein
Vertrauen in meine Fähigkeiten. Er ließ sich von mir
untersuchen, ganz. Für die ihn schmerzende, stark gerötete
Hautstelle konnte ich eine Fettsalbe mit dem Extrakt der Kastanie
anfertigen lassen, aber ich vermutete eine bestimmte größere
Schwierigkeit.
Mit höchster Erlaubnis, mehreren Übersetzern und Hofleuten
ließ ich mir von den Leibdienern des Sultans die
Ernährungsgewohnheiten und die Menge, Zeiten und Farben seiner
Ausscheidungen schildern und zeigen; diese Diagnose-Methode war mir in
einer Grundformel schon seit meinem Griechisch-Unterricht aus den
Schriften antiker Ärzte geläufig.
Danach sah ich meinen Verdacht bestätigt, dass der Sultan an
häufiger Verstopfung litt. Ich wusste Abhilfe, denn ich hatte seit
Jahren meine eigene, überwiegend vorbeugende Reisehilfe, die ich
schon einigen anderen wichtigen Menschen empfohlen hatte: Nach einer
ausführlichen Demonstration folgte der Sultan meinem Rat, durch
den Hofjuwelier eine goldene Einlaufspritze anfertigen zu lassen,
für die ich mein eigenes Wundergerät als Vorbild ausleihen
konnte: Mein gelegentlicher morgendlicher warmer Einlauf hat mir seit
Jahren eine befreiende Erleichterung für den ganzen Tag
verschafft. Das goldene Gerät tat sofort überzeugende
Dienste; der Sultan war schon vormittags gut gelaunt, er rühmte
meine Kunst und Weitsicht; mein Ansehen wuchs im Hofstaat, weil alle
einen viel größeren Heil-Hintergrund annahmen.
Weil mich danach noch viele nach dem „Wundermodell“ fragten,
übernahm ich die massenweise Herstellung dieser Geräte, auch
in einer weniger wertvollen Silberausführung und
veräußerte sie mit befriedigendem Gewinn. Im Osmanischen
Reich verbreitete sich allein über mündliche Empfehlungen die
spürbare Erfahrung, dass die allmorgendliche Erleichterung Frauen
und Männern einen unbeschwerten Tagesverlauf und ein leichteres
Eingehen auf alles sichert.
Der Sultan wollte ein Wort für dieses kleine Wunder und mir war
spontan der Hinweis eines stets heiter wirkenden Freiherrn aus dem
Schwäbischen auf seinen ihm wichtigen Tagesbeginn eingefallen. Ich
beobachtete staunend, wie sich der vom derben Deutsch ins oft viel
poetischere Türkische übernommene Begriff „Morgenschiss“ mit
der dazugehörenden Lebensphilosophie „früh aufs Klo macht
frei und froh“ rasend schnell im ganzen Reich verbreitete.
Der Sultan gewährte mir die freilich so umfassend nie von mir
gewünschte Gunst, mich tagsüber stundenlang in seiner
Nähe aufzuhalten und die mich dauerhaft wenig fesselnden
Lebensweisen an seinem Hof kennen zu lernen. Ich war immerhin in kurzer
Zeit Hofmedicus des Sultans, der Sultanin und ihres zahllosen
Nachwuchses geworden. Sie sahen alle mit Wohlwollen, dass ich bei den
Behandlungen und vor allem bei dem zeremoniellen morgendlichen Einlauf
stets einheimische Ärzte beteiligte und beaufsichtigte.
Der Großwesir hatte mir ziemlich am Anfang meines Aufenthaltes am
Topkapi geheimnisvoll lächelnd eine stattliche Schar von
Heilkundigen gezeigt, die den Sultan früher behandelt hatte und
deren Schädel nun in einer offenen Halle gestapelt waren. Als ich
anerkennend nickte und ihn fragte, wo denn die Schädel der
früheren Großwesire aufbewahrt würden, stutzte er
verblüfft, ehe er losprustete, dass die Säulen bebten.
Er verriet mir auch, dass man im Osmanischen Reich ein teuflisch
scharfes Getränk mit wenig Wasser vermischt; dann nennt man es
„Löwenmilch“ und kann es ohne religiöse Bedenken aus Tassen
trinken: Alkohol wird dann nicht mehr darin vermutet.
Einige seiner Frauen waren meine ersten Patientinnen. Ihn selbst habe
ich mit einem raschen Schnitt von einem ihn quälenden Furunkel
erlöst. Ich wohnte anfangs in seinem Teil des Palastes. Ich kann
euch versichern: mein Leben war angenehm.
Bei einem fröhlichen Abend in seinen Gemächern sagte mir der
Großwesir mit etwas gelöster Zunge: „Wenn es so etwas wie
eine übernationale Auszeichnung gäbe, würde ich Sie
dafür vorschlagen; Sie werden nicht ahnen, warum: „Seine
Herrlichkeit der Sultan ist durch Sie ein anderer, liebenswerterer
Mensch geworden, offener, milder, überlegener und sogar
weitschauender als vorher – zweifellos durch Ihr Morgen-Rezept.“
Manches im menschlichen Leben ist eben ganz einfach; alle großen
Dinge sind einfach – wenn wir sie nicht, was wir allerdings zu gern
tun, mit Vorurteilen, Gewohnheiten und hausgemachten Problemen
befrachten…
Man machte mir klar, dass es meine gesellschaftliche Stellung
nötig machte, in einer eigenen angemessenen Behausung zu wohnen.
Der Sultan ließ mich unter drei fantastischen Angeboten
wählen. Am besten gefiel mir ein ansehnlicher orientalischer
Palast auf einer leichten Anhöhe mit überwältigendem
Blick auf die Stadt und das Marmarameer.
Es gab hier mehrere Nebengebäude, Stallungen für die Pferde
und einen großen Garten mit herrlichen Bäumen und mit einem
Seerosenteich. Dieses kleine Paradies war frei geworden, weil sein
hochstehender Bewohner in Ungnade gefallen war und die Hauptstadt
innerhalb einer Stunde ohne jedes Gepäck verlassen musste. Der
Unglückliche hatte auf einer abendlichen Gesellschaft ganz
beiläufig und ohne Spott erwähnt, der Sultan habe in seinem
dunklen Haar auch bereits einige verehrungswürdige
Silberfäden. Solche leichtfertigen Bemerkungen verzeihen
mächtige Männer nicht immer. Was mir von der hinterlassenen
Einrichtung gefiel, konnte ich behalten und als überaus wertvolle
Leihgabe übernehmen.
Es war für mich eine viel größere moralische
Überwindung, mich der Landes und Standessitte anzupassen: ich
musste mir einen Harem halten. Darauf war ich in keiner Weise
vorbereitet, fand es aber wegen meiner unbändigen Lust auf das
innige Zusammensein mit Frauen einen Eigenversuch wert.
Bald hatte ich mir zu dem landesüblichem ein Auswahlsystem
ersonnen, das mich vor Überraschungen schützen sollte:
Schönheit allein war für mich nicht das Wichtigste, erst
recht nicht Schöntun, auch nicht nur ihre Gesundheit.
Bei der Auswahl der Frauen halfen mir Erfahrungen aus meiner Zeit beim
König von Frankreich. Ich kann euch später mal davon
erzählen, dass ich vor etlichen Jahren einen delikaten
königlichen Auftrag hatte, der mich sechs Jahre lang in einige
Länder brachte. Ich musste damals die Liebesfähigkeit und die
Leidenschaft von Anwärterinnen für eine erste oder eine neue
eheliche Verbindung des Thronfolgers unter Alltagsbedingungen erproben.
Das hat mich jeweils über Wochen zum hochwillkommenen Ehrengast an
vielen Höfen und in Hochadelsfamilien werden lassen.
Dem Kronprinzen war wichtig, die Kandidatinnen auf seinen besonderen
Geschmack in der Liebe vorzubereiten und ihre eigenen Vorlieben und
ihre Gewöhnungsbereitschaft herauszufinden. Ihr könnt euch
denken, dass dies eine angenehme und verantwortungsvolle Aufgabe war,
für die mir nach ersten Erfolgen auch eine Entourage mit
unterschiedlich begabten Helferinnen und Helfern bewilligt worden war.
Schon bald nach der irgendwann erfolgten Hochzeit war es mir dann
zugefallen, dem jungen König eine Schar königlicher
Mätressen aus vielen Ländern auszuwählen und auf ihren
Dienst als „besondere Hofdamen“ vorzubereiten. Der listige
Schatzkanzler hat mich damals die ganze köstliche Zeit über
aus der Schatulle der königlichen Vorkoster honoriert –
einschließlich der dafür üblichen
Risikovergütungen.
Nach einiger Lebenserfahrung habe ich im Zusammenleben mit Frauen
zeitlebens den von mir als wahr gefundenen Grundsatz des großen
Frauenliebhabers Giacomo Casanova beherzigt: „In der Liebe solltest du
immer mehr geben als nehmen wollen – es wird dir dann ohnehin vieles
zufallen...“ Mir war lebenslang wichtig, dass „meine“ Frauen sich nach
unserer Trennung nie ärmer gefühlt haben.
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