Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Beim Sultan in Konstantinopel

Es war mir erst kurz vor der Krim gelungen, mich von meinem Gefolge zu lösen. Allein zu gehen war mittlerweile ungewohnt für mich; das wurde mir bewusst, als ich am ersten Morgen im Osmanischen Reich an Land ging. Zu meiner prächtigen weißen, goldbestickten Uniform (die Zarin wollte, dass ich noch eindrucksvoller aussehen sollte als der Feldmarschall) mit dem edelsteingeschmückten Säbel trug ich meinen drei Finger breiten goldenen Stirnreif mit den ringsum eingefassten blauen Diamanten. Ich winkte einen älteren Jungen am Landungssteg heran, gab ihm eine kleine international brauchbare Goldmünze und machte ihm mit Worten und Zeichen klar, dass er die Truhe mit geheimen Papieren und Karten vor mir her zum Topkapi tragen sollte. Er zögerte aus Angst, als ich dieses Ziel nannte, aber eine zweite kleine Goldmünze machte ihm wieder Mut. Die am Pier postierten Soldaten wollten mich aufhalten. Ich wies sie mit herrischen Gebärden an, mich zu eskortieren und zum Sultan zu führen. Das war auch praktisch, mit einer resoluten Eskorte durch die sich auf einem Marktplatz ansammelnde Menge zu kommen.

Endlich am Ziel musste ich dann fast fünf Stunden warten, bis mich der Sultan näher winkte. Er war misstrauisch und hatte mit schrägen Blicken immer wieder mal zu mir hingeschaut, während er fast gelangweilt mit seinen Frauen tändelte. Ich bemerkte, dass er unruhig auf dem Polster seines Kissens hin und her rutschte. Hinter diesem Verhalten erkannte ich ein Problem an seiner allerhintersten Körperstelle.

Meine analen Einfühlversuche gaben mir die Eingebung, mich ihm etwas wertvoller zu machen und mich bei meiner Vorstellung juristisch wohl unanfechtbar als langjährigen „Haupt-Admirator der Wissenschaftlichen Heilkünste im Königreich Hannover“ und als „Selbsternannten Hofmedicus und „Quasi-Generalarzt Ihrer Majestät der Russischen Zarin“ vorzustellen. Ich hatte natürlich vorausgesehen, dass der Dolmetscher überfordert war und diese ungewohnten Bezeichnungen in der Eile mit viel wichtigeren Funktionen wiedergegeben hat.

Der Sultan musste annehmen, dass ich seine Afterschmerzen bei einer von mir etwas inszenierten Augendiagnose erkannt hatte; das steigerte sein Vertrauen in meine Fähigkeiten. Er ließ sich von mir untersuchen, ganz. Für die ihn schmerzende, stark gerötete Hautstelle konnte ich eine Fettsalbe mit dem Extrakt der Kastanie anfertigen lassen, aber ich vermutete eine bestimmte größere Schwierigkeit.

Mit höchster Erlaubnis, mehreren Übersetzern und Hofleuten ließ ich mir von den Leibdienern des Sultans die Ernährungsgewohnheiten und die Menge, Zeiten und Farben seiner Ausscheidungen schildern und zeigen; diese Diagnose-Methode war mir in einer Grundformel schon seit meinem Griechisch-Unterricht aus den Schriften antiker Ärzte geläufig.

Danach sah ich meinen Verdacht bestätigt, dass der Sultan an häufiger Verstopfung litt. Ich wusste Abhilfe, denn ich hatte seit Jahren meine eigene, überwiegend vorbeugende Reisehilfe, die ich schon einigen anderen wichtigen Menschen empfohlen hatte: Nach einer ausführlichen Demonstration folgte der Sultan meinem Rat, durch den Hofjuwelier eine goldene Einlaufspritze anfertigen zu lassen, für die ich mein eigenes Wundergerät als Vorbild ausleihen konnte: Mein gelegentlicher morgendlicher warmer Einlauf hat mir seit Jahren eine befreiende Erleichterung für den ganzen Tag verschafft. Das goldene Gerät tat sofort überzeugende Dienste; der Sultan war schon vormittags gut gelaunt, er rühmte meine Kunst und Weitsicht; mein Ansehen wuchs im Hofstaat, weil alle einen viel größeren Heil-Hintergrund annahmen.

Weil mich danach noch viele nach dem „Wundermodell“ fragten, übernahm ich die massenweise Herstellung dieser Geräte, auch in einer weniger wertvollen Silberausführung und veräußerte sie mit befriedigendem Gewinn. Im Osmanischen Reich verbreitete sich allein über mündliche Empfehlungen die spürbare Erfahrung, dass die allmorgendliche Erleichterung Frauen und Männern einen unbeschwerten Tagesverlauf und ein leichteres Eingehen auf alles sichert.

Der Sultan wollte ein Wort für dieses kleine Wunder und mir war spontan der Hinweis eines stets heiter wirkenden Freiherrn aus dem Schwäbischen auf seinen ihm wichtigen Tagesbeginn eingefallen. Ich beobachtete staunend, wie sich der vom derben Deutsch ins oft viel poetischere Türkische übernommene Begriff „Morgenschiss“ mit der dazugehörenden Lebensphilosophie „früh aufs Klo macht frei und froh“ rasend schnell im ganzen Reich verbreitete.

Der Sultan gewährte mir die freilich so umfassend nie von mir gewünschte Gunst, mich tagsüber stundenlang in seiner Nähe aufzuhalten und die mich dauerhaft wenig fesselnden Lebensweisen an seinem Hof kennen zu lernen. Ich war immerhin in kurzer Zeit Hofmedicus des Sultans, der Sultanin und ihres zahllosen Nachwuchses geworden. Sie sahen alle mit Wohlwollen, dass ich bei den Behandlungen und vor allem bei dem zeremoniellen morgendlichen Einlauf stets einheimische Ärzte beteiligte und beaufsichtigte.

Der Großwesir hatte mir ziemlich am Anfang meines Aufenthaltes am Topkapi geheimnisvoll lächelnd eine stattliche Schar von Heilkundigen gezeigt, die den Sultan früher behandelt hatte und deren Schädel nun in einer offenen Halle gestapelt waren. Als ich anerkennend nickte und ihn fragte, wo denn die Schädel der früheren Großwesire aufbewahrt würden, stutzte er verblüfft, ehe er losprustete, dass die Säulen bebten.

Er verriet mir auch, dass man im Osmanischen Reich ein teuflisch scharfes Getränk mit wenig Wasser vermischt; dann nennt man es „Löwenmilch“ und kann es ohne religiöse Bedenken aus Tassen trinken: Alkohol wird dann nicht mehr darin vermutet.

Einige seiner Frauen waren meine ersten Patientinnen. Ihn selbst habe ich mit einem raschen Schnitt von einem ihn quälenden Furunkel erlöst. Ich wohnte anfangs in seinem Teil des Palastes. Ich kann euch versichern: mein Leben war angenehm.

Bei einem fröhlichen Abend in seinen Gemächern sagte mir der Großwesir mit etwas gelöster Zunge: „Wenn es so etwas wie eine übernationale Auszeichnung gäbe, würde ich Sie dafür vorschlagen; Sie werden nicht ahnen, warum: „Seine Herrlichkeit der Sultan ist durch Sie ein anderer, liebenswerterer Mensch geworden, offener, milder, überlegener und sogar weitschauender als vorher – zweifellos durch Ihr Morgen-Rezept.“ Manches im menschlichen Leben ist eben ganz einfach; alle großen Dinge sind einfach – wenn wir sie nicht, was wir allerdings zu gern tun, mit Vorurteilen, Gewohnheiten und hausgemachten Problemen befrachten…

Man machte mir klar, dass es meine gesellschaftliche Stellung nötig machte, in einer eigenen angemessenen Behausung zu wohnen. Der Sultan ließ mich unter drei fantastischen Angeboten wählen. Am besten gefiel mir ein ansehnlicher orientalischer Palast auf einer leichten Anhöhe mit überwältigendem Blick auf die Stadt und das Marmarameer.

Es gab hier mehrere Nebengebäude, Stallungen für die Pferde und einen großen Garten mit herrlichen Bäumen und mit einem Seerosenteich. Dieses kleine Paradies war frei geworden, weil sein hochstehender Bewohner in Ungnade gefallen war und die Hauptstadt innerhalb einer Stunde ohne jedes Gepäck verlassen musste. Der Unglückliche hatte auf einer abendlichen Gesellschaft ganz beiläufig und ohne Spott erwähnt, der Sultan habe in seinem dunklen Haar auch bereits einige verehrungswürdige Silberfäden. Solche leichtfertigen Bemerkungen verzeihen mächtige Männer nicht immer. Was mir von der hinterlassenen Einrichtung gefiel, konnte ich behalten und als überaus wertvolle Leihgabe übernehmen.

Es war für mich eine viel größere moralische Überwindung, mich der Landes und Standessitte anzupassen: ich musste mir einen Harem halten. Darauf war ich in keiner Weise vorbereitet, fand es aber wegen meiner unbändigen Lust auf das innige Zusammensein mit Frauen einen Eigenversuch wert.

Bald hatte ich mir zu dem landesüblichem ein Auswahlsystem ersonnen, das mich vor Überraschungen schützen sollte: Schönheit allein war für mich nicht das Wichtigste, erst recht nicht Schöntun, auch nicht nur ihre Gesundheit.

Bei der Auswahl der Frauen halfen mir Erfahrungen aus meiner Zeit beim König von Frankreich. Ich kann euch später mal davon erzählen, dass ich vor etlichen Jahren einen delikaten königlichen Auftrag hatte, der mich sechs Jahre lang in einige Länder brachte. Ich musste damals die Liebesfähigkeit und die Leidenschaft von Anwärterinnen für eine erste oder eine neue eheliche Verbindung des Thronfolgers unter Alltagsbedingungen erproben. Das hat mich jeweils über Wochen zum hochwillkommenen Ehrengast an vielen Höfen und in Hochadelsfamilien werden lassen.

Dem Kronprinzen war wichtig, die Kandidatinnen auf seinen besonderen Geschmack in der Liebe vorzubereiten und ihre eigenen Vorlieben und ihre Gewöhnungsbereitschaft herauszufinden. Ihr könnt euch denken, dass dies eine angenehme und verantwortungsvolle Aufgabe war, für die mir nach ersten Erfolgen auch eine Entourage mit unterschiedlich begabten Helferinnen und Helfern bewilligt worden war.

Schon bald nach der irgendwann erfolgten Hochzeit war es mir dann zugefallen, dem jungen König eine Schar königlicher Mätressen aus vielen Ländern auszuwählen und auf ihren Dienst als „besondere Hofdamen“ vorzubereiten. Der listige Schatzkanzler hat mich damals die ganze köstliche Zeit über aus der Schatulle der königlichen Vorkoster honoriert – einschließlich der dafür üblichen Risikovergütungen.

Nach einiger Lebenserfahrung habe ich im Zusammenleben mit Frauen zeitlebens den von mir als wahr gefundenen Grundsatz des großen Frauenliebhabers Giacomo Casanova beherzigt: „In der Liebe solltest du immer mehr geben als nehmen wollen – es wird dir dann ohnehin vieles zufallen...“ Mir war lebenslang wichtig, dass „meine“ Frauen sich nach unserer Trennung nie ärmer gefühlt haben.

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
Impressum und Kontakt




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