Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Bei Hofe knistert überall Erotik

Die Zarin mochte es sichtlich, mich liebeslustig und lüstern zu machen. Seit ich einmal ihre Kleider brutal zerrissen, sie nackt aufs Bett geworfen und zum Entsetzen ihrer Kammerfrauen lustvoll, aber durchaus landesüblich mit Schlägen „gefügig“ gemacht habe, alles natürlich gespielt, hatte sie Freude an diesem Liebesspiel gewonnen und es sich noch viele Male in Variationen von mir gewünscht. In meinen Amouren habe ich immer die alte französische Weisheit beherzigt: „Was die Frau will, will der liebe Gott.“

Die weiter beteiligten Frauen fanden diese Spiele so anregend, dass wir alle oftmals in richtige Ekstase gerieten. Ich hörte, dass die Hofschneider begeistert über die vielen zerrissenen Kleidungsstücke waren, die sie dann meist gar nicht wieder herzurichten brauchten, sondern als exquisite erotische Fetische in viele Länder verkaufen konnten; übrigens nicht nur an Männer.

Mindestens dreimal passierte es uns, dass die vor der Haupttüre ihrer Gemächer postierten Leibwächter hereinstürzten, weil sie meinten, Hilfeschreie gehört zu haben. Es waren aber nur Katharinas ganz normalen Lustschreie. Mir war das sehr peinlich aber Katharina lachte nur ausgelassen. Die Wachen wurden sofort abgelöst; ich wusste, dass sie, wie es hier üblich war, für immer verschwinden mussten.

Am Hof der Zarin lebten unter den Damen und Herren der Gesellschaft viele Schmarotzer und Wichtigtuer, die unbeschwert von Arbeit in den Tag hinein lebten und viel Zeit beim Glücksspiel und mit Liebesspielen vergeudeten. Die meisten Frauen wollten hier offensichtlich ihr Leben genießen und einen versorgungs- fähigen Ehemann finden.

Festmahle und ausgelassene Trinkfeste mit Musik und Tanz gab es bei uns alle paar Tage. Dabei verteilten sich die Paare für einige Zeit im Sommer im Park und bei kühlem Wetter in den vielen Nebensälen.

Die Zarin hatte einige Male unserer Lust zuliebe unter ihrer prächtigen Festrobe auf alle Unterkleidung unterhalb der von ihr „Gestell“ genannten Korsage verzichtet, weil sie keine Zeit verlieren wollte, wenn ich, wie verabredet, in einem Nebengemach auf sie wartete. Sie hatte mehrmals am Tage ein nicht unterdrückbares Verlangen nach starker körperlicher Liebe; diese Besonderheit hatte bei ihr Vorrang auch bei wichtigen Staatsgeschäften. Ich musste dann sofort zur Stelle sein, wenn ich nicht riskieren wollte, dass sich ein anderer Mann vordrängte. Ich wusste: Nicht selten ging bei Katharina Lust vor Last, und das hat sie immer sofort „ausgelebt“. Tatsächlich hat es ihre Tatkraft erheblich gefördert.

Als ich merkte, dass es sie erhitzte, wenn ich ihr das schulterfreie Kleid herunterriss und ihre Brüste leidenschaftlich genoss, habe ich mir diese Freiheiten einige Male erlaubt. Wir dachten beide nicht daran, dass dies von Hofleuten bemerkt, weitergetragen und sofort Mode wurde bei den ohnehin sich nie „nüchtern“ entwickelnden Gesellschaften. Es wurde ein stets mit ernster Miene absolviertes groteskes Ritual, mitten im Tanz der Dame für einige Minuten das Kleid von den Brüsten zu streifen und die „Halbkugeln einer bessern Welt“, wie sie unser Dichter Schiller nannte, angemessen zu hofieren. Übrigens hatte ich einer hübschen Hofdame zuliebe vorgegeben, dass besonders zart entwickelte Brüste als extrem kostbar zu werten waren. Ich finde, Ausnahmen müssen immer sein.

Den Dienern war befohlen worden, bis zum Wiedereinsetzen der Musik die Augen zu schließen. Vorher hob nämlich die Tanzpartnerin anmutig ihren Reifrock hoch und ließ ihren Tänzer für ein paar Sekunden unverschleiert sehen, welches Gärtlein er bald erobern durfte, oder was dem nächsten Tanzpartner zufallen würde. Diese Aufhebung der einstmals steifen Etikette steigerte sich unaufhaltsam.

Bald wurde es normal, dass Paare sich während der sehr ausgedehnten Mahlzeiten in einander verloren und danach gingen die Damen nach dem Zuruf des Tanzmeisters einmal links, einmal rechts herum zum nächsten Partner weiter.

Ein ähnlich beliebtes Spiel kam ohne jede Dekoration aus, weil es im Dunkeln gespielt wurde. Besonders hierbei wurde es mir zuweilen unheimlich, welche Hemmungslosigkeit im Zupacken und in der Hingabe die Frauen bewiesen; bei Männern wunderte es mich nicht mehr. Es wurde bei sehr lauter ungarischer Musik kaum gesprochen und Frauen und Männer nahmen sich wahllos jeden Liebespartner. Dabei wurde immer sehr viel getrunken.

Katharina mischte sich zu gern unter diese dunkle Gesellschaft. Sie hatte angenommen, schlichte Kleider, eine zottelige Perücke und billiger Schmuck würden sie unkenntlich machen. Sie wurde von der Hofgesellschaft natürlich sofort erkannt, aber ich hatte einige tonangebende Damen und Herren gebeten, sie als fremde Dame anzusehen.

Die unbändige Lebenslust ihrer Kaiserin und auch ihr manchmal überstarkes Interesse an draufgängerischen Männern fanden alle erheiternd und anregend, ich aber nicht, denn ich liebte sie und wollte sie nicht mit anderen teilen. Katharina lachte über meine Einstellung.

Allmählich ist die Bevölkerungszahl auch in diesen geburtenarmen Kreisen gestiegen, schon, weil die rauen „Verhütlis“ aus Schafsdarm oder die lusttötende Flucht kurz vor dem beglückendem Höhepunkt wenig verlässlich sind. Und nüchtern sollten beide auch sein. Männer in diesem Zustand sind mir allerdings in Russland selten begegnet.

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
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