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Begegnung mit
überirdischer Schönheit
Zuerst hörte ich eine überirdische Musik, die unendliche
Sehnsucht und Befriedigung zugleich in mir auslöste. Ich erwachte
selig lächelnd, aber ich konnte die Augen nicht öffnen, weil
eine schmerzhafte Helle um mich herum war. Ich hörte eine
große Menge weiblicher und männlicher Stimmen in einer mir
fremden Sprache sprechen; die meisten Stimmen klangen zornig und
erregt, aber allein vom Klang her war es ein Genuss, ihnen
zuzuhören.
Ich richtete mich auf und versuchte, in die Menge zu blinzeln, aber das
unglaublich helle Licht machte es mir unmöglich, obwohl ich meine
Augen mit der Hand schützte.
Eine lachende weibliche Stimme kam mir nahe: „He, du süßer
hässlicher Zwerg, schütze deine Augen noch besser!“ Etwas
fiel auf meinen Hals; ich ertastete ein Stück seidenleichten
Stoff, und als ich ratlos daran herumfingerte, nahmen zwei unendlich
zarte Hände, deren Duft und Berührung mich wieder zu
betäuben drohten, das schmale Tuch und banden es mir vor die
Augen. Es war ein zu meiner Freude nicht alles verdunkelnder Schleier.
Nie werde ich das himmlische Antlitz vergessen, das ich für einen
Augenblick über mir sah. Ein wuchtiger Stoß warf mich zu
Boden. Aus dem allgemeinen Lachen heraus hörte ich eine laute
Stimme heraus, die mir zu gelten schien: „Wage nicht, uns anzusehen,
Menschlein! Auf die Erde mit Dir!“ Zugleich traf mich ein grausamer
Peitschenhieb.
Ich warf mich der Länge nach hin und bereitete mich auf
Schlimmeres vor. Eine andere männliche Stimme hörte ich neben
mir und in erfreulich sachlicherem Ton, allerdings Unfassbares zu mir
sprechen: „Höre, mein Freund, du bist hier auf heiligem Boden. Der
Große Donnerer hat dich für ein paar Atemzüge in die
Winterwohnung der Götter befohlen.“ Er kam mir näher:
„Erschrick nicht zu sehr: Wir wollen dein Leben schonen und dich
vielleicht sogar belohnen!“
Natürlich war ich äußerst aufgeregt; ich versuchte
vorsichtig, die zu der freundlichen Stimme gehörende Gestalt
deutlicher zu sehen. Ich erkannte nur zwei makellose
Männerfüße in goldenen Sandalen.
Die überaus angenehme Stimme fuhr fort: „Wir sind hier griechische
und römische Götter, die, wie sogar ihr wisst, seit Urzeiten
immer im Wettstreit miteinander um die Macht und manchmal auch um
anderes ringen. Heute geht es uns nicht um Macht, sondern um
Schönheit. Hier sind einige Hundert hinreißend schöne
Göttinnen versammelt, eine schöner als die andere und alle
wiederum gleich wunderschön.“
Er machte eine Pause und ich lechzte danach, einen Eindruck von der
geschilderten Schönheit zu bekommen, doch ich sah nur schemenhaft
wie durch dichten Nebel. Aber was ich sah, zerriss mir das Herz und
meine anderen Lustzentren vor Verlangen: Allerschönste Gestalten,
hinreißende bewaldete Dreiecke unter lustvoll gewölbten
Bäuchen, traumhafte Rückenpartien und einmalige, wunderbarste
Brüste!
Die Stimme fuhr fort: „Einer von uns brachte die Stimmung auf, unter
den allesamt Schönen wieder einmal – wegen unserer wachsenden Zahl
ist das alle paar Menschenmonate möglich -nur eine einzige Stelle
ihrer Körper im Wettstreit zu beurteilen. Ahnst du, um welche
Partie es geht?“
Ich erschrak furchtbar, aber er lachte und sagte, meine Gedanken
offenbar mühelos erratend: „Nein, dieser zauberhafte Bereich ist
diesmal nicht gemeint. Aber die Richtung stimmt. Höre, mein
Lieber, dir wird eine Gunst zuteil, die noch kein Irdischer jemals
errang: Du darfst einen Schönheitsstreit unter uns Unsterblichen
entscheiden, weil du unbefangen sein wirst und nicht so voreingenommen
wie wir alle. Bereite dich darauf vor, dass ein Götterbote dich
gleich dreimal an den Rücken der schon ausgewählten
vierundvierzig schönsten Göttinnen vorbeiführen wird. Du
wirst nur den unteren Ausschnitt dieser Rücken erkennen, das
lieblich Gewölbte. Am Ende musst du den allerschönsten
Blütengrund – ihr Menschen habt so hässliche Ausdrücke
für diesen köstlichen Teil – auswählen, und damit ist
dein Dienst hier beendet.“
Nie in meinem bisherigen Leben hat mich eine gestellte Aufgabe so bis
ins Mark erschreckt. Ich zitterte vor Aufregung und Angst. Die
umstehenden Götter schienen sich darüber sehr zu
amüsieren; sie lachten herzhaft und die männlichen
Götter richtig dröhnend.
Ein goldenes Gefäß wurde mir gereicht. Ich trank es ohne zu
zögern in einem Zug leer und erfasste nicht, ob es Wasser oder
Wein war. Ich fühlte mich sofort gestärkt und sehr
beschwingt. Musik klang auf, ich vernahm darin Fanfarenstöße
und dann schloss ich aus den Geräuschen, dass eine
größere Bewegung um mich herum entstanden war.
Ich blickte aber in Nebel. Eine leichte Hand fasste meine Linke und
führte mich vorwärts. Eine andere Hand wischte ein schmales
Sichtfeld vor mir wie vor einer schneebedeckten Fensterscheibe frei.
Jetzt erblickte ich etwas, was ich nicht bewältigen konnte und was
mir den Atem nahm. Ich schwankte benommen, spürte aber, dass mich
kräftige Hände von hinten stützten und weiter schoben.
Ich spürte ein weinig duftendes Trinkgefäß an meinem
Mund und leerte es wieder in einem Zug; der Göttertrank schoss mir
sofort ins Blut.
Jetzt wurde mir viel leichter ums Herz, ich fühlte mich freier und
dann mit einem Mal sehr heiter. Ich wurde seitlich an untere
Göttinnen-Rücken geführt und genoss die herrlichen,
betörend kribbelnden Wölbungen, die unendlich lieblich
beginnenden Zwillingsteilungen, die seitlichen Grübchen
darüber, die lustvolle Festigkeit des makellos weißen
Fleisches und ihre seltsame Leichtigkeit zugleich.
Beim zweiten Durchgang ermutigte mich die führende Hand, die so
vielfältig verführerischen Körperstellen mit beiden
Händen noch stärker zu berühren; sie zogen mich wie mit
Zauberkraft an und sie ließen sich nicht einfach nur unbeteiligt
berühren: sie saugten meine Fingerkuppen auf, sie verführten
meine Hände zu unglaublichen Kühnheiten – ich kann es nur
unvollkommen beschreiben, einfach, weil ich es nicht ganz gerecht
vergleichen kann…
Ich sage euch, Freunde, mir fehlen die Worte, um diese berauschenden
Tasterlebnisse zu beschreiben; sie waren einfach nicht von dieser Welt.
Ein dritter Becher wurde mir gereicht. Ich schwebte wie im Traum von
einem Rücken zum andern. Ich fühlte mich wie ein blinder
Bildhauer und versuchte, alle Schönheit über meine
zärtlich tastenden Hände aufzunehmen. Ich genoss dieses
Vorüberschweben unsagbar und träumte mich irgendwie in diese
Göttinnen hinein – bis mich ein mächtiger Posaunenstoß
ernüchterte und erstarren ließ. Die Donnerstimme herrschte
mich an: „Jetzt wähle!“
Ich wäre zu gern in den Erdboden oder sogar wieder in den Magen
des Riesenfisches eingetaucht, aber ich wurde gezwungen, mich zu
entscheiden. Mit zitternden Händen und vor Aufregung stolpernd,
tastete ich mich an etlichen der köstlichsten Rücken vorbei
und ließ meine Hände dann auf bei Menschenfrauen kaum noch
vorkommenden und mich deshalb besonders hinreißenden
birnenförmigen Rundungen ruhen, beugte mich herab und küsste
unwillkürlich beide Hälften, bevor ich betäubt zu Boden
fiel.
Begeisterte und enttäuschte Schreie überschlugen sich. Eine
scheinbar chaotische Bewegung flutete über mich hin; viele
Füße liefen rücksichtslos über mich hinweg; ich
nahm staunend wahr, dass es mich nicht schmerzte. In meinen Ohren
hallten die Götterstimmen und selig betäubt war ich vom Klang
des Göttinnen-Lachens. (Weil dieses Lachen immer noch in mir
nachklingt, zucke ich wie gepeinigt zusammen, wenn ich einige Frauen
hier auf der Erde vulgär lachen höre.)
Ich versuchte auszumachen, ob meine Entscheidung von der Mehrzahl
gutgeheißen wurde; das gelang mir aber nicht. Damals hätte
ich mein Leben riskiert für die Gewissheit, welchem griechischen
oder römischen Göttinnen-Hintern oder „Blütengrund“ ich
den Siegespreis und den Ehrentitel „Kallipygos“ zugesprochen hatte. Ich
erfuhr es nie und ihr ahnt vielleicht, wovon ich immer wieder
träume.
Umwerfenderes kam noch hinzu. Ich erzählte euch schon, dass ich
eine Weile noch die Wirkung des dreifachen Göttertrankes
wahrnehmen konnte, aber zuletzt war ich für nichts mehr
aufnahmefähig. In meinen späteren Versuchen, diese Erlebnisse
in mein Gedächtnis zurückzurufen, kam ich bis zu einer Szene,
in der mir ein Götterbote die Hand geführt hatte. Ich kann
nur nicht mehr unterscheiden, in welcher zeitlichen Folge alles
geschah, denn mein Zeitgefühl war durcheinander geraten: Es gab
kein vorher und nachher und keine Gegenwart und Vergangenheit.
Aus Furcht oder vor Andacht hatte ich die Augen geschlossen. Die fremde
Hand führte mich zu einem überaus anmutig gebeugten
Rücken, ich spürte ihn beglückt; er drängte mich
dichter an die Göttin heran, so dicht, dass es alles Verlangen in
mir auslöste…
Hier aber begann die minutenlange und wahrscheinlich absichtlich
herbeigeführte Erinnerungslücke: Irgendwann später
führten mich göttliche Hände an einer herrlich geformten
Taille vorbei; die Göttin hatte sich wieder aufgerichtet, und bog
meine Hände gegen die Stelle, wo ich die Brüste erwarten
durfte. Ihr könnt euch mein Entsetzen nicht vorstellen, als ich
auf einer Seite vier Brüste auf einmal berührte und im
Zurückzucken spürte, dass diese göttliche Frau auf der
anderen Hälfte noch mehr Brüste hatte.
Das brüllende Gelächter der männlichen Götter war
das letzte, was ich aufnahm. Später und wie von Ferne hörte
ich die vertraute Götterstimme sagen: „Nun hast du deinen Lohn
empfangen, du Glücklichster unter den Menschen. Und du sollst auch
etwas Bleibendes als Dank mitnehmen!“
Damit berührte er mit einem goldenen Gegenstand zweimal mein
seltsamerweise hoch aufgerichtetes Glied. Es durchfuhr mich wie ein
Blitz und brannte sekundenlang wehtuend. Es riss mich
unwillkürlich hoch; ich sah entsetzt an mir herunter und
entdeckte, was ich lange nicht fassen konnte. Aber dieses Wunder wage
ich auch jetzt noch nicht anderen Sterblichen zu beschreiben.
Und weil die sofort spürbare Wirkung schon ein unerhörtes,
noch nie erdachtes Wunder war, wurde mir erst viel später klar,
dass es sogar Jahre rückwirkend galt; unwahrscheinlich viele
Liebesbegegnungen waren davon betroffen gewesen -deshalb also hatte ich
diese unglaublich unstillbare Liebeslust und zudem, was selten
dazugehört, eine kaum endende Liebeskraft – und dann noch diese
fantastische Besonderheit! Unfassbar für meinen Verstand!
Aus meiner seligen Benommenheit wurde ich damals im Parnassos brutal
herausgerissen. Nachträglich wurde mir klar, dass ich mit meiner
Wahl wohl nicht den Geschmack des Großen Donnerers getroffen
hatte, der ja oft unvorhersehbare und die Irdischen oft befremdende
erotische Gelüste hatte: Eine sicher eiserne Faust packte mich und
schleuderte mich mit unbändiger Kraft über das Gebirge hinweg
in die Weite. Ich flog und flog und alles rauschte an mir vorbei wie
nach einem äußerst weinreichen Abend.
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