Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Begegnung mit überirdischer Schönheit

Zuerst hörte ich eine überirdische Musik, die unendliche Sehnsucht und Befriedigung zugleich in mir auslöste. Ich erwachte selig lächelnd, aber ich konnte die Augen nicht öffnen, weil eine schmerzhafte Helle um mich herum war. Ich hörte eine große Menge weiblicher und männlicher Stimmen in einer mir fremden Sprache sprechen; die meisten Stimmen klangen zornig und erregt, aber allein vom Klang her war es ein Genuss, ihnen zuzuhören.

Ich richtete mich auf und versuchte, in die Menge zu blinzeln, aber das unglaublich helle Licht machte es mir unmöglich, obwohl ich meine Augen mit der Hand schützte.

Eine lachende weibliche Stimme kam mir nahe: „He, du süßer hässlicher Zwerg, schütze deine Augen noch besser!“ Etwas fiel auf meinen Hals; ich ertastete ein Stück seidenleichten Stoff, und als ich ratlos daran herumfingerte, nahmen zwei unendlich zarte Hände, deren Duft und Berührung mich wieder zu betäuben drohten, das schmale Tuch und banden es mir vor die Augen. Es war ein zu meiner Freude nicht alles verdunkelnder Schleier.

Nie werde ich das himmlische Antlitz vergessen, das ich für einen Augenblick über mir sah. Ein wuchtiger Stoß warf mich zu Boden. Aus dem allgemeinen Lachen heraus hörte ich eine laute Stimme heraus, die mir zu gelten schien: „Wage nicht, uns anzusehen, Menschlein! Auf die Erde mit Dir!“ Zugleich traf mich ein grausamer Peitschenhieb.

Ich warf mich der Länge nach hin und bereitete mich auf Schlimmeres vor. Eine andere männliche Stimme hörte ich neben mir und in erfreulich sachlicherem Ton, allerdings Unfassbares zu mir sprechen: „Höre, mein Freund, du bist hier auf heiligem Boden. Der Große Donnerer hat dich für ein paar Atemzüge in die Winterwohnung der Götter befohlen.“ Er kam mir näher: „Erschrick nicht zu sehr: Wir wollen dein Leben schonen und dich vielleicht sogar belohnen!“

Natürlich war ich äußerst aufgeregt; ich versuchte vorsichtig, die zu der freundlichen Stimme gehörende Gestalt deutlicher zu sehen. Ich erkannte nur zwei makellose Männerfüße in goldenen Sandalen.

Die überaus angenehme Stimme fuhr fort: „Wir sind hier griechische und römische Götter, die, wie sogar ihr wisst, seit Urzeiten immer im Wettstreit miteinander um die Macht und manchmal auch um anderes ringen. Heute geht es uns nicht um Macht, sondern um Schönheit. Hier sind einige Hundert hinreißend schöne Göttinnen versammelt, eine schöner als die andere und alle wiederum gleich wunderschön.“

Er machte eine Pause und ich lechzte danach, einen Eindruck von der geschilderten Schönheit zu bekommen, doch ich sah nur schemenhaft wie durch dichten Nebel. Aber was ich sah, zerriss mir das Herz und meine anderen Lustzentren vor Verlangen: Allerschönste Gestalten, hinreißende bewaldete Dreiecke unter lustvoll gewölbten Bäuchen, traumhafte Rückenpartien und einmalige, wunderbarste Brüste!

Die Stimme fuhr fort: „Einer von uns brachte die Stimmung auf, unter den allesamt Schönen wieder einmal – wegen unserer wachsenden Zahl ist das alle paar Menschenmonate möglich -nur eine einzige Stelle ihrer Körper im Wettstreit zu beurteilen. Ahnst du, um welche Partie es geht?“

Ich erschrak furchtbar, aber er lachte und sagte, meine Gedanken offenbar mühelos erratend: „Nein, dieser zauberhafte Bereich ist diesmal nicht gemeint. Aber die Richtung stimmt. Höre, mein Lieber, dir wird eine Gunst zuteil, die noch kein Irdischer jemals errang: Du darfst einen Schönheitsstreit unter uns Unsterblichen entscheiden, weil du unbefangen sein wirst und nicht so voreingenommen wie wir alle. Bereite dich darauf vor, dass ein Götterbote dich gleich dreimal an den Rücken der schon ausgewählten vierundvierzig schönsten Göttinnen vorbeiführen wird. Du wirst nur den unteren Ausschnitt dieser Rücken erkennen, das lieblich Gewölbte. Am Ende musst du den allerschönsten Blütengrund – ihr Menschen habt so hässliche Ausdrücke für diesen köstlichen Teil – auswählen, und damit ist dein Dienst hier beendet.“

Nie in meinem bisherigen Leben hat mich eine gestellte Aufgabe so bis ins Mark erschreckt. Ich zitterte vor Aufregung und Angst. Die umstehenden Götter schienen sich darüber sehr zu amüsieren; sie lachten herzhaft und die männlichen Götter richtig dröhnend.

Ein goldenes Gefäß wurde mir gereicht. Ich trank es ohne zu zögern in einem Zug leer und erfasste nicht, ob es Wasser oder Wein war. Ich fühlte mich sofort gestärkt und sehr beschwingt. Musik klang auf, ich vernahm darin Fanfarenstöße und dann schloss ich aus den Geräuschen, dass eine größere Bewegung um mich herum entstanden war.

Ich blickte aber in Nebel. Eine leichte Hand fasste meine Linke und führte mich vorwärts. Eine andere Hand wischte ein schmales Sichtfeld vor mir wie vor einer schneebedeckten Fensterscheibe frei. Jetzt erblickte ich etwas, was ich nicht bewältigen konnte und was mir den Atem nahm. Ich schwankte benommen, spürte aber, dass mich kräftige Hände von hinten stützten und weiter schoben.

Ich spürte ein weinig duftendes Trinkgefäß an meinem Mund und leerte es wieder in einem Zug; der Göttertrank schoss mir sofort ins Blut.

Jetzt wurde mir viel leichter ums Herz, ich fühlte mich freier und dann mit einem Mal sehr heiter. Ich wurde seitlich an untere Göttinnen-Rücken geführt und genoss die herrlichen, betörend kribbelnden Wölbungen, die unendlich lieblich beginnenden Zwillingsteilungen, die seitlichen Grübchen darüber, die lustvolle Festigkeit des makellos weißen Fleisches und ihre seltsame Leichtigkeit zugleich.

Beim zweiten Durchgang ermutigte mich die führende Hand, die so vielfältig verführerischen Körperstellen mit beiden Händen noch stärker zu berühren; sie zogen mich wie mit Zauberkraft an und sie ließen sich nicht einfach nur unbeteiligt berühren: sie saugten meine Fingerkuppen auf, sie verführten meine Hände zu unglaublichen Kühnheiten – ich kann es nur unvollkommen beschreiben, einfach, weil ich es nicht ganz gerecht vergleichen kann…

Ich sage euch, Freunde, mir fehlen die Worte, um diese berauschenden Tasterlebnisse zu beschreiben; sie waren einfach nicht von dieser Welt. Ein dritter Becher wurde mir gereicht. Ich schwebte wie im Traum von einem Rücken zum andern. Ich fühlte mich wie ein blinder Bildhauer und versuchte, alle Schönheit über meine zärtlich tastenden Hände aufzunehmen. Ich genoss dieses Vorüberschweben unsagbar und träumte mich irgendwie in diese Göttinnen hinein – bis mich ein mächtiger Posaunenstoß ernüchterte und erstarren ließ. Die Donnerstimme herrschte mich an: „Jetzt wähle!“

Ich wäre zu gern in den Erdboden oder sogar wieder in den Magen des Riesenfisches eingetaucht, aber ich wurde gezwungen, mich zu entscheiden. Mit zitternden Händen und vor Aufregung stolpernd, tastete ich mich an etlichen der köstlichsten Rücken vorbei und ließ meine Hände dann auf bei Menschenfrauen kaum noch vorkommenden und mich deshalb besonders hinreißenden birnenförmigen Rundungen ruhen, beugte mich herab und küsste unwillkürlich beide Hälften, bevor ich betäubt zu Boden fiel.

Begeisterte und enttäuschte Schreie überschlugen sich. Eine scheinbar chaotische Bewegung flutete über mich hin; viele Füße liefen rücksichtslos über mich hinweg; ich nahm staunend wahr, dass es mich nicht schmerzte. In meinen Ohren hallten die Götterstimmen und selig betäubt war ich vom Klang des Göttinnen-Lachens. (Weil dieses Lachen immer noch in mir nachklingt, zucke ich wie gepeinigt zusammen, wenn ich einige Frauen hier auf der Erde vulgär lachen höre.)

Ich versuchte auszumachen, ob meine Entscheidung von der Mehrzahl gutgeheißen wurde; das gelang mir aber nicht. Damals hätte ich mein Leben riskiert für die Gewissheit, welchem griechischen oder römischen Göttinnen-Hintern oder „Blütengrund“ ich den Siegespreis und den Ehrentitel „Kallipygos“ zugesprochen hatte. Ich erfuhr es nie und ihr ahnt vielleicht, wovon ich immer wieder träume.

Umwerfenderes kam noch hinzu. Ich erzählte euch schon, dass ich eine Weile noch die Wirkung des dreifachen Göttertrankes wahrnehmen konnte, aber zuletzt war ich für nichts mehr aufnahmefähig. In meinen späteren Versuchen, diese Erlebnisse in mein Gedächtnis zurückzurufen, kam ich bis zu einer Szene, in der mir ein Götterbote die Hand geführt hatte. Ich kann nur nicht mehr unterscheiden, in welcher zeitlichen Folge alles geschah, denn mein Zeitgefühl war durcheinander geraten: Es gab kein vorher und nachher und keine Gegenwart und Vergangenheit.

Aus Furcht oder vor Andacht hatte ich die Augen geschlossen. Die fremde Hand führte mich zu einem überaus anmutig gebeugten Rücken, ich spürte ihn beglückt; er drängte mich dichter an die Göttin heran, so dicht, dass es alles Verlangen in mir auslöste…

Hier aber begann die minutenlange und wahrscheinlich absichtlich herbeigeführte Erinnerungslücke: Irgendwann später führten mich göttliche Hände an einer herrlich geformten Taille vorbei; die Göttin hatte sich wieder aufgerichtet, und bog meine Hände gegen die Stelle, wo ich die Brüste erwarten durfte. Ihr könnt euch mein Entsetzen nicht vorstellen, als ich auf einer Seite vier Brüste auf einmal berührte und im Zurückzucken spürte, dass diese göttliche Frau auf der anderen Hälfte noch mehr Brüste hatte.

Das brüllende Gelächter der männlichen Götter war das letzte, was ich aufnahm. Später und wie von Ferne hörte ich die vertraute Götterstimme sagen: „Nun hast du deinen Lohn empfangen, du Glücklichster unter den Menschen. Und du sollst auch etwas Bleibendes als Dank mitnehmen!“

Damit berührte er mit einem goldenen Gegenstand zweimal mein seltsamerweise hoch aufgerichtetes Glied. Es durchfuhr mich wie ein Blitz und brannte sekundenlang wehtuend. Es riss mich unwillkürlich hoch; ich sah entsetzt an mir herunter und entdeckte, was ich lange nicht fassen konnte. Aber dieses Wunder wage ich auch jetzt noch nicht anderen Sterblichen zu beschreiben.

Und weil die sofort spürbare Wirkung schon ein unerhörtes, noch nie erdachtes Wunder war, wurde mir erst viel später klar, dass es sogar Jahre rückwirkend galt; unwahrscheinlich viele Liebesbegegnungen waren davon betroffen gewesen -deshalb also hatte ich diese unglaublich unstillbare Liebeslust und zudem, was selten dazugehört, eine kaum endende Liebeskraft – und dann noch diese fantastische Besonderheit! Unfassbar für meinen Verstand!

Aus meiner seligen Benommenheit wurde ich damals im Parnassos brutal herausgerissen. Nachträglich wurde mir klar, dass ich mit meiner Wahl wohl nicht den Geschmack des Großen Donnerers getroffen hatte, der ja oft unvorhersehbare und die Irdischen oft befremdende erotische Gelüste hatte: Eine sicher eiserne Faust packte mich und schleuderte mich mit unbändiger Kraft über das Gebirge hinweg in die Weite. Ich flog und flog und alles rauschte an mir vorbei wie nach einem äußerst weinreichen Abend.


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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
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