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Auf einem andern Stern
Ich war allein in dem eisernen Raum und nach mehreren Stunden befiel
mich die Sorge, dass sie mich vergessen hatten. Deshalb kam ich auf den
Gedanken, mich wieder mit lautem Gesang bemerkbar zu machen. Diesmal
wählte ich einen mir aus meinen Kindertagen erinnerten Singsang,
den ich heute als allzu blöd empfinde und vor euch deshalb nicht
wiederholen möchte. Auf die Zuhörer dort oben hat er aber
umwerfend gewirkt...
Sie hatten tatsächlich keine Sprache in unserem Sinn. Ich
fühlte mich später versucht, ihnen das Sprechen meiner
Sprache beizubringen. Zu ihrem Glück kamen mir rechtzeitig
Bedenken: Mit welchem Recht durfte ich in ihre Lebenswelt eingreifen?
Mache ich sie damit glücklicher oder ärmer? Später
dachte ich anders über diesen Punkt...
Eine von mir wahrgenommene Sprache hatten sie nicht, wohl aber ein
offenbar gutes System der Verständigung, das mir aber letztlich
verschlossen blieb, weil ich keine Vergleichsmöglichkeit hatte.
Ich sah nur, dass sie sich ohne ein hörbares Geräusch aus
ihren Helmen heraus anblinkten und nahm an, dass sie sich so
verständigt haben, vermutlich auch über mich und was sie mit
mir anfangen könnten.
Ich habe nie eines der Wesen ohne den Helm und ohne die silberne
Kleidung gesehen, kann also gar nicht sagen, ob beides Bestandteil
ihres Körpers war. Fast immer war vom Wasser aufsteigender Nebel
um mich, deshalb konnte ich ohnehin meist nichts Genaues erkennen.
Zudem hatten sie mich mit einem Gestell umgeben, das meine
Bewegungsfreiheit einschränkte und auch die Möglichkeit,
irgendetwas anzufassen. Und immer stand ich im Wasser.
Soweit ich das erkennen konnte, gab es flaches und tieferes Wasser.
Für einen Daueraufenthalt im Wasser war ich nicht
ausgerüstet, das haben sie irgendwann erkannt und mich in einen
wasserdichten Sack gesteckt, in dem ich dann herumhüpfen konnte
und musste.
Ich sah kein Hinterland. Ich fragte mich: Hatten sie Tiere? Trieben sie
Ackerbau? Wie und wovon ernährten sie sich? Gab es Leben hinter
den nächsten kahlen Hügeln? Wie lange lebten sie und was
taten sie mit ihren Toten?
Weil sie mir an manchen Tagen stundenlang die Augen mit einem
übergestülpte übergroßen Helmhut verdunkelten,
wird mir Wichtiges entgangen sein. Einiges sollte ich wohl auf keinen
Fall sehen – daraus schöpfte ich nebenbei die Hoffnung, dass sie
mich nicht für alle Zeit hier oben behalten wollten, oder diese
Möglichkeit wenigstens offen hielten.
Ich fand dort oben wegen meiner sehr eingeschränkten
Bewegungsmöglichkeiten nicht die Antworten auf viele zentrale
Fragen – manche kamen mir übrigens erst wieder in Erinnerung, als
ich mich nach meiner glücklichen Rückkehr in mehrtägigen
Seminaren den Professoren und Studenten, häufig auch Theologen und
Politikern zu ausführlichen Berichten und Befragungen stellte.
Ein Göttinger Archäologe hatte diese ziemliches Aufsehen
erregenden Symposien als erster eingerichtet und mehrere deutsche,
italienische und chinesische Universitäten haben mich danach zu
ähnlichen Veranstaltungen eingeladen. Aber verzeiht mein
Vorauseilen; noch schwebe ich oben im Universum.
Außer den kleinen, mir immer in Kolonnen begegnenden Figuren und
den offenbar herrschenden silbernen Wesen gab es noch eine Art, die ich
leider nie näher zu sehen bekam; sie bewegten sich in
pyramidenförmigen, leicht durchsichtigen Behältern. In meiner
Fantasie ordnete ich sie als weibliche und mit mütterlichen oder
priesterlichen Eigenschaften ausgestattete Wesen ein.
Häuser in mir vertrauten Formen sah ich nirgends, nur
wabenförmige Behausungen, in denen sie auch ihre vielfältigen
Wasserfahrzeuge hinein schoben. Ich wurde wie ein unwillkommener
Fremdling, mehr: wie ein Gefangener gehalten und niemals irgendwohin
eingeladen. Meine einzige und leider unangenehme Abwechslung waren die
vielen Untersuchungen, die ich über mich ergehen lassen musste.
Sie dirigierten mich mit ihren zuckenden Leuchtstäben in eine
größere Halle, die auf Stelzen stand und über
nachgebende, aufgestapelte halbrunde Stufen erreichbar waren und
machten mir auch mit den Stäben klar, dass ich mich entkleiden,
auf eine bestimmte Stelle stellen oder setzen sollte. Mit anderen
Stäben tasteten sie meinen Körper ab und verweilten lange an
meinem Kopf und im intimen Bereich.
Ein Volk von Forschern, und ich als Forschungsobjekt! Ein besonderes
Untersuchungsergebnis versprachen sie sich wohl von meinen
Hautreaktionen. Sie überschütteten mich abwechselnd mit
heißem und eiskaltem Wasser und schlugen mich, allerdings
erträglich schmerzhaft und doch um Schonung bemüht, mit ihren
Stöcken, bis ich überall Striemen auf der Haut hatte. Danach
stellten sich einige von ihnen mit ihren Rücken minutenlang
schweigend und bewegungslos gegen meinen Rücken. Mir kam der
Verdacht, dass dies ihre Form von erotischem Austausch war, ihre
unnatürliche Art, aber was hatte ich davon!
Ich sah öfter zwei Silberne Rücken an Rücken stehen und
erlebte diese Prozedur noch Hunderte Male am eigenen Rücken. In
einem regelmäßigen Abstand standen sie wie auch die
Winzlinge, die vermutlich ihre Sklaven waren, lange still und
regungslos Rücken an Rücken. Ich gewann den Eindruck, dass es
sich dabei um eine religiöse Handlung handelte. Gegen Ende der
Zeremonie wollten sich viele noch an meinen Rücken stellen.
Weiß der Himmel, was sie davon hatten; ich bekam davon jedenfalls
Rückenschmerzen.
Ich spürte sie nicht körperlich, weil immer mindestens ein
daumenbreiter Abstand blieb, aber ich nahm einen merkwürdigen
Wärmestrom wahr; es blieb mir eine unheimliche und ermüdende
Annäherung, die meine wehtuende Sehnsucht nach menschlichem
Hautkontakt nur verstärkte. Mein Selbstmitleid wuchs jeden Tag
mehr.
Für eine ihnen wichtige Prozedur zogen sie mir die längst
für einen Wechsel fällige Unterbekleidung aus, bedeckten
meine Augen und banden mir die Hände zusammen. Aus ihren
unbeholfenen und alle Grundkenntnisse vermissenden Bewegungen schloss
ich, dass sie meinen Samen gewinnen wollten. Mein heftiger Protest half
nicht, sie banden mich noch fester an. Ich hörte, dass sich eine
größere Zuschauerzahl angesammelt hatte. Die Umstehenden
kommentierten die Bemühungen erkennbar ernsthaft.
Es kam keine Heiterkeit auf, aber das machte es nicht leichter für
mich; sie kamen auf keine natürliche Methode. Schon um die
schmerzhafter gewordene Qual abzukürzen, hätte ich ihnen gern
ihre Wünsche erfüllt, aber ich konnte mich auch mit einem
Schrei nicht verständlich machen.
Die Sache endete unglücklich: irgendwann konnte ich meinen
Harndrang nicht mehr aufhalten und nicht dafür sorgen, dass sich
einige der mit mir Beschäftigten beizeiten in Sicherheit bringen
konnten.
Sie schlugen danach wütend auf mich ein und trafen mich grausam
oft an meiner empfindlichsten Stelle.
Tage später wurde ich wieder in eine Untersuchungsgruppe
gestoßen. Als einer nach allerlei Messungen und Druckproben
mehrfach mein Kinn hob und dann mit dem Stock eine Wellenbewegung
machte, glaubte ich zu verstehen, dass sie mich wieder singen
hören wollten. Ich zeigte ihnen an, dass ich sie verstanden hatte,
ließ sie auch eine kleine Tonfolge hören, setzte aber
zunächst durch, dass ich mich wieder ankleiden konnte.
Währenddessen stellte ich mir eine Liederfolge zusammen.
Das genügte mir aber nicht. In meiner freien Zeit versuchte ich,
meine hier eingeschränkte Gehirntätigkeit in Übung zu
halten. Neben meinen Lied-und Poesie-Erinnerungsarbeiten und einigen
Kompositionsversuchen verfasste ich in Gedanken, aufschreiben konnte
ich ja nichts, eine Reihe von sehnsuchtsvollen Gedichten,
gefühlvollen Balladen, Abenteuer-und Liebesgeschichten und lernte
sie vorsorglich auswendig. Jahre später kam ich erst dazu, einiges
vom hier Entstandenen niederzuschreiben und zu diktieren.
Die meisten Werke werden euch vertraut sein, denn ich habe sie mehreren
Dichtern unter meinen Freunden überlassen, die haben sie, weil
ihnen nach ihren Anfangserfolgen oft die Einfälle ausgegangen
waren, unter ihren eigenen Namen veröffentlicht: das Publikum
fordert von uns ja immer Neues und Weiteres und ich fand mich nicht so
existentiell wichtig auf literarischen Ruhm angewiesen wie sie.
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