Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Auf einem andern Stern

Ich war allein in dem eisernen Raum und nach mehreren Stunden befiel mich die Sorge, dass sie mich vergessen hatten. Deshalb kam ich auf den Gedanken, mich wieder mit lautem Gesang bemerkbar zu machen. Diesmal wählte ich einen mir aus meinen Kindertagen erinnerten Singsang, den ich heute als allzu blöd empfinde und vor euch deshalb nicht wiederholen möchte. Auf die Zuhörer dort oben hat er aber umwerfend gewirkt...

Sie hatten tatsächlich keine Sprache in unserem Sinn. Ich fühlte mich später versucht, ihnen das Sprechen meiner Sprache beizubringen. Zu ihrem Glück kamen mir rechtzeitig Bedenken: Mit welchem Recht durfte ich in ihre Lebenswelt eingreifen? Mache ich sie damit glücklicher oder ärmer? Später dachte ich anders über diesen Punkt...

Eine von mir wahrgenommene Sprache hatten sie nicht, wohl aber ein offenbar gutes System der Verständigung, das mir aber letztlich verschlossen blieb, weil ich keine Vergleichsmöglichkeit hatte. Ich sah nur, dass sie sich ohne ein hörbares Geräusch aus ihren Helmen heraus anblinkten und nahm an, dass sie sich so verständigt haben, vermutlich auch über mich und was sie mit mir anfangen könnten.

Ich habe nie eines der Wesen ohne den Helm und ohne die silberne Kleidung gesehen, kann also gar nicht sagen, ob beides Bestandteil ihres Körpers war. Fast immer war vom Wasser aufsteigender Nebel um mich, deshalb konnte ich ohnehin meist nichts Genaues erkennen. Zudem hatten sie mich mit einem Gestell umgeben, das meine Bewegungsfreiheit einschränkte und auch die Möglichkeit, irgendetwas anzufassen. Und immer stand ich im Wasser.

Soweit ich das erkennen konnte, gab es flaches und tieferes Wasser. Für einen Daueraufenthalt im Wasser war ich nicht ausgerüstet, das haben sie irgendwann erkannt und mich in einen wasserdichten Sack gesteckt, in dem ich dann herumhüpfen konnte und musste.

Ich sah kein Hinterland. Ich fragte mich: Hatten sie Tiere? Trieben sie Ackerbau? Wie und wovon ernährten sie sich? Gab es Leben hinter den nächsten kahlen Hügeln? Wie lange lebten sie und was taten sie mit ihren Toten?

Weil sie mir an manchen Tagen stundenlang die Augen mit einem übergestülpte übergroßen Helmhut verdunkelten, wird mir Wichtiges entgangen sein. Einiges sollte ich wohl auf keinen Fall sehen – daraus schöpfte ich nebenbei die Hoffnung, dass sie mich nicht für alle Zeit hier oben behalten wollten, oder diese Möglichkeit wenigstens offen hielten.

Ich fand dort oben wegen meiner sehr eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten nicht die Antworten auf viele zentrale Fragen – manche kamen mir übrigens erst wieder in Erinnerung, als ich mich nach meiner glücklichen Rückkehr in mehrtägigen Seminaren den Professoren und Studenten, häufig auch Theologen und Politikern zu ausführlichen Berichten und Befragungen stellte.

Ein Göttinger Archäologe hatte diese ziemliches Aufsehen erregenden Symposien als erster eingerichtet und mehrere deutsche, italienische und chinesische Universitäten haben mich danach zu ähnlichen Veranstaltungen eingeladen. Aber verzeiht mein Vorauseilen; noch schwebe ich oben im Universum.

Außer den kleinen, mir immer in Kolonnen begegnenden Figuren und den offenbar herrschenden silbernen Wesen gab es noch eine Art, die ich leider nie näher zu sehen bekam; sie bewegten sich in pyramidenförmigen, leicht durchsichtigen Behältern. In meiner Fantasie ordnete ich sie als weibliche und mit mütterlichen oder priesterlichen Eigenschaften ausgestattete Wesen ein.

Häuser in mir vertrauten Formen sah ich nirgends, nur wabenförmige Behausungen, in denen sie auch ihre vielfältigen Wasserfahrzeuge hinein schoben. Ich wurde wie ein unwillkommener Fremdling, mehr: wie ein Gefangener gehalten und niemals irgendwohin eingeladen. Meine einzige und leider unangenehme Abwechslung waren die vielen Untersuchungen, die ich über mich ergehen lassen musste.

Sie dirigierten mich mit ihren zuckenden Leuchtstäben in eine größere Halle, die auf Stelzen stand und über nachgebende, aufgestapelte halbrunde Stufen erreichbar waren und machten mir auch mit den Stäben klar, dass ich mich entkleiden, auf eine bestimmte Stelle stellen oder setzen sollte. Mit anderen Stäben tasteten sie meinen Körper ab und verweilten lange an meinem Kopf und im intimen Bereich.

Ein Volk von Forschern, und ich als Forschungsobjekt! Ein besonderes Untersuchungsergebnis versprachen sie sich wohl von meinen Hautreaktionen. Sie überschütteten mich abwechselnd mit heißem und eiskaltem Wasser und schlugen mich, allerdings erträglich schmerzhaft und doch um Schonung bemüht, mit ihren Stöcken, bis ich überall Striemen auf der Haut hatte. Danach stellten sich einige von ihnen mit ihren Rücken minutenlang schweigend und bewegungslos gegen meinen Rücken. Mir kam der Verdacht, dass dies ihre Form von erotischem Austausch war, ihre unnatürliche Art, aber was hatte ich davon!

Ich sah öfter zwei Silberne Rücken an Rücken stehen und erlebte diese Prozedur noch Hunderte Male am eigenen Rücken. In einem regelmäßigen Abstand standen sie wie auch die Winzlinge, die vermutlich ihre Sklaven waren, lange still und regungslos Rücken an Rücken. Ich gewann den Eindruck, dass es sich dabei um eine religiöse Handlung handelte. Gegen Ende der Zeremonie wollten sich viele noch an meinen Rücken stellen. Weiß der Himmel, was sie davon hatten; ich bekam davon jedenfalls Rückenschmerzen.

Ich spürte sie nicht körperlich, weil immer mindestens ein daumenbreiter Abstand blieb, aber ich nahm einen merkwürdigen Wärmestrom wahr; es blieb mir eine unheimliche und ermüdende Annäherung, die meine wehtuende Sehnsucht nach menschlichem Hautkontakt nur verstärkte. Mein Selbstmitleid wuchs jeden Tag mehr.

Für eine ihnen wichtige Prozedur zogen sie mir die längst für einen Wechsel fällige Unterbekleidung aus, bedeckten meine Augen und banden mir die Hände zusammen. Aus ihren unbeholfenen und alle Grundkenntnisse vermissenden Bewegungen schloss ich, dass sie meinen Samen gewinnen wollten. Mein heftiger Protest half nicht, sie banden mich noch fester an. Ich hörte, dass sich eine größere Zuschauerzahl angesammelt hatte. Die Umstehenden kommentierten die Bemühungen erkennbar ernsthaft.

Es kam keine Heiterkeit auf, aber das machte es nicht leichter für mich; sie kamen auf keine natürliche Methode. Schon um die schmerzhafter gewordene Qual abzukürzen, hätte ich ihnen gern ihre Wünsche erfüllt, aber ich konnte mich auch mit einem Schrei nicht verständlich machen.

Die Sache endete unglücklich: irgendwann konnte ich meinen Harndrang nicht mehr aufhalten und nicht dafür sorgen, dass sich einige der mit mir Beschäftigten beizeiten in Sicherheit bringen konnten.

Sie schlugen danach wütend auf mich ein und trafen mich grausam oft an meiner empfindlichsten Stelle.

Tage später wurde ich wieder in eine Untersuchungsgruppe gestoßen. Als einer nach allerlei Messungen und Druckproben mehrfach mein Kinn hob und dann mit dem Stock eine Wellenbewegung machte, glaubte ich zu verstehen, dass sie mich wieder singen hören wollten. Ich zeigte ihnen an, dass ich sie verstanden hatte, ließ sie auch eine kleine Tonfolge hören, setzte aber zunächst durch, dass ich mich wieder ankleiden konnte. Währenddessen stellte ich mir eine Liederfolge zusammen.

Das genügte mir aber nicht. In meiner freien Zeit versuchte ich, meine hier eingeschränkte Gehirntätigkeit in Übung zu halten. Neben meinen Lied-und Poesie-Erinnerungsarbeiten und einigen Kompositionsversuchen verfasste ich in Gedanken, aufschreiben konnte ich ja nichts, eine Reihe von sehnsuchtsvollen Gedichten, gefühlvollen Balladen, Abenteuer-und Liebesgeschichten und lernte sie vorsorglich auswendig. Jahre später kam ich erst dazu, einiges vom hier Entstandenen niederzuschreiben und zu diktieren.

Die meisten Werke werden euch vertraut sein, denn ich habe sie mehreren Dichtern unter meinen Freunden überlassen, die haben sie, weil ihnen nach ihren Anfangserfolgen oft die Einfälle ausgegangen waren, unter ihren eigenen Namen veröffentlicht: das Publikum fordert von uns ja immer Neues und Weiteres und ich fand mich nicht so existentiell wichtig auf literarischen Ruhm angewiesen wie sie.


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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
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