Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Archäologen wurden Zeugen

Ein grausames Kitzeln meiner Nase weckte mich. Ich musste fürchterlich niesen. Das hatte zwei Folgen: Ein Haufen Erde wurde so gelockert, dass ich meine Schultern und kurz darauf auch meine Arme freibekam. Aber die Gehilfin des Archäologie-Professors, die mit einem großen Pinsel meine Nase unter dem vermeintlichen Staub von Jahrtausenden freigelegt hatte, war so geschockt, dass sie wie von Furien gehetzt laut schreiend durch die fruchtbare Landschaft lief.

Als ich spontan „So warten Sie doch, schöne Dame, Sie haben mir soeben das Leben gerettet!“ hinter ihr her rief, blieb sie wie angewurzelt stehen, drehte sich langsam um und überlegte vielleicht, ob es jetzt an der Zeit wäre, wahnsinnig zu werden; aber dann schien ihr einzufallen, dass sie bei ihren Ausgrabungsarbeiten nicht allein war. Auf ihre gellenden Rufe: „Papa, Papa!“ kam ein großer Mann mit einer Schaufel in der Hand herbeigeeilt. Sie tuschelten miteinander und dann schien die Vorsicht über den Forscherdrang zu siegen, denn die beiden liefen gemeinsam davon. Ich rief ihnen vergeblich in mehreren Sprachen nach.

Bis der Gelehrte an der Spitze einer mit einigen Gewehren und Knüppeln ausgerüsteten Männerschar zurückkam, hatte ich mich selbst befreit und erst einmal in den Büschen erleichtert. Als die Männer mich unter dem halb im Erdreich steckendem Sternbrocken suchten, hatte ich mich bereits versteckt und getarnt. Ich kann euch nicht beschreiben, wie glücklich und erleichtert ich war, als ich sie Bairisch reden hörte; nur ihre Gewehre machten mir Sorgen. So rief ich mit lauter Stimme aus dem Versteck heraus: „Männer, ihr seid umstellt. Werft sofort eure Waffen in die Büsche und tretet zwanzig Schritte zur Seite, aber hopp, hopp!“

Sie gehorchten erschreckt und waren wohl auf das Schlimmste gefasst, als ich in meiner silbernen Kleidung aus den Büschen trat. Ich unterdrückte meine Lachlust und rief ihnen zu: „Verzeihen Sie mir diese Vorsichtshandlung, meine Dame und meine Herren, ich bin der Baron Münchhausen aus dem Hannöverschen und ich komme soeben von einer weiten Reise aus dem Weltall zurück auf die Erde. Ich bin überglücklich, dass der Sternbrocken dort mich ausgerechnet in mein Vaterland geschleudert hat. Darf ich Ihnen bei Bier und Bratkartoffeln mit Speck Näheres erzählen?"

Die wackeren Männer und der Göttinger Archäologie-Professor, als der er sich alsbald vorstellte, waren so wissbegierig oder so durstig und hungrig, dass ich die von mir vorgeschlagene Reihenfolge im nahen Dorfgasthaus schwer durchhalten konnte. Außerdem hatte ich ein heftiges Verlangen nach dem Badezuber des Wirtes und ich musste die Wirtin überreden, mir erst einmal die Haupt-und Barthaare wie annähernd hierzulande üblich stutzen zu helfen.

Dann erzählte ich ihnen gern; sie hatten sich schon ordentlich gestärkt und offenbar in bester Stimmung einige Theorien über meine letzten Abenteuer erörtert. Aber stellt euch das vor: Die Männer lachten Tränen über meine Geschichten; vielleicht hielten sie meine Berichte sogar für erfunden.

Der Professor runzelte oft die Stirn und machte sich unentwegt Notizen. Seine aparte Tochter Dorothee saß mir gegenüber und sah mir während meines Erzählens unverwandt in die Augen. Mir war aufgefallen, dass sie jetzt farbenfrohere Kleidung trug und ihre vorher unter einem Hut verborgenen blonden Haare fielen jetzt lang über ihre Schultern herab. Ich erwiderte ihren Blick immer öfter und mit wachsendem Vergnügen. So sehen hier auf der Erde Frauen aus! Diese Wangen, dieser Mund, dieses Kinn, diese Augen müssten liebevoll geküsst werden, dachte ich mitten in meinem Erzählen und mindestens einmal habe ich mich verhaspelt.

Später erfuhr ich, dass sie die Witwe eines verunglückten jungen Arztes war. Es konnte ihr nicht entgangen sein, dass ich sie sehr anziehend fand. Gegen Mitternacht schickte der Wirt die zechfreudigen Männer aus dem Dorf heim. Der Professor, der mit seiner Tochter in dem Gasthause wohnte, bezahlte etwas missmutig die stattlich gewordene Zeche für alle und überließ mir, weil ich absolut kein Geld besaß, auch einige Taler -gegen das Versprechen, ihm ausführlich und vor allem exklusiv von meinen außerirdischen Beobachtungen zu berichten.


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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
Lesungen u. Bestellungen für Buch
und CD-Fassung

Sach-, Personen und Ortsregister
Rollentauschmöglichkeiten

Ich selbst
Impressum und Kontakt




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