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Ägyptische Freuden
und Plagen
In einer Nacht, diese Episode fällt mir erst jetzt wieder ein, war
mein Leben in Gefahr. Zum Glück war die Syrerin Tulka in dieser
Nacht bei mir, die Frau aus meinem Gefolge, die alle Bedrohungen
rechtzeitig erkennen konnte. Nach ihrer mitten in einigen Damespielen
herausgestoßenen Warnung konnte ich dem mehrfach bewaffneten
Mordbuben, der sich auf den Balkon vor meinem Schlafraum geschlichen
hatte, rechtzeitig meinen eigentlich nur als Zierde gedachten
Krummdolch in den Bauch rammen. Ein Motiv seiner Absichten blieb uns
dunkel – ihm ging es wohl nur um Gold und Juwelen – oder um Tulka.
Meine in diesem Fall unaufmerksamen Leibwächterinnen wurden noch
in der Nacht abgelöst. Gegen den Rat eines ägyptischen
Sicherheitsmannes behielt ich die Wächterinnen, verkürzte
aber ihren regelmäßigen Teilaustausch und richtete mich auf
verschärfte Übungen und häufigere Kontrollen ein.
Ich pries noch lange den glückhaften Zufall, dass Mahajusha
für den Beginn dieser Nacht die bezaubernde Tulka ausgewählt
hatte, mein Lager zu teilen. Am Abend hatten wir drei noch in
übermütiger Stimmung zusammen gespeist und ich hatte sie
ausnahmsweise bei mir gehalten. Tulka war eine charmante und angenehme
Gesellschafterin, und nach dem lästigen Zwischenfall genoss ich
ihre besonders liebe Art, mich diese Episode vergessen zu lassen.
Aus meiner detaillierten Schilderung sollt ihr nun nicht etwa
schließen, dass ich die Sinne benebelnde, schwere Süße
der ägyptischen Frauen nur aus den Erzählungen meiner
männlichen Begleiter kannte. Aber ich empfand damals neben meinen
staatlichen Aufträgen die Sorge für mein Gefolge und diese
Pflicht nahm ich ernst.
Nun ja, da war die unvergessliche siebte Unterrichtsstunde mit der
Ersten Bauchtänzerin Murani, eine Personifizierung der
Sinnlichkeit. Ich konnte nicht vermeiden, ihren Körper zu
berühren, um ihr einige Biegungen zu empfehlen. Ihre Haut, ihr
weiches, feinfühlendes Fleisch reagierte auf jede Berührung,
sie schmolz unversehens, vielleicht ohne ihr Dazutun, einfach dahin.
Und weil wir zufällig allein waren, es war ja die Zeit, in der der
Pascha daniederlag und das Hofzeremoniell nicht wie gewohnt
funktionierte, konnte ich ihren Verlockungen unmöglich
widerstehen.
Die märchenhafte Murani saugte mich auf und ich versank in ihr,
wie in … Ich weiß nicht, wie ich euch das schildern soll,
vielleicht sollte ich es auch nicht aussprechen, um mir diese kostbare
Erinnerung nicht zu zerstören.
Es war mir nicht vergönnt, sie noch einmal in den Armen zu halten
und es tat grausam weh, sie verführerisch tanzen zu sehen und
daran zu denken, dass der Pascha das alleinige Genussrecht an dieser
herrlichen Frau hatte, der ihr nach ihrem freimütigen Bekenntnis
gar kein gebührender Partner mehr war.
Der Pascha war nach seiner Genesung überglücklich und bestand
darauf, aller Welt und auch unserem Sultan zu erklären, dass ich
wesentlich zu seinem neuen Lebensgefühl beigetragen hatte. Das
Ägyptische Volk und der Kairoer Hofstaat behandelten mich und
meine heilkundigen Frauen ohnehin wie erfolgreiche Wunderheiler; das
nahmen wir Anfänger auf diesem Gebiet dankbar und demütig
hin, denn im Orient ist das schon immer ein lohnender Beruf gewesen.
Sicher hätte ich bleiben dürfen; der Pascha hatte erwogen,
den Sultan um seine Zustimmung zu bitten, aber das redete ich ihm aus.
Jedenfalls war es für uns alle eine einmalig schöne Zeit.
Zuletzt tat es mir fast leid, dass ich wieder nach Konstantinopel
zurückkehren musste.
Als der Pascha mich nicht länger in Kairo halten konnte, gewann er
mich doch für einen schönen und nahe liegenden Gedanken:
Unser Abschied sollte eine Reise den Nil entlang sein – auf dem
schiffbaren Teil des göttlichen Flusses und auf Kamelrücken
bei den notwendigen Umwegen, um unterwegs einige der
großartigsten Bauwerke Ägyptens zu sehen. Dazu mussten wir
allerdings mit der bereitgestellten Flotte kleiner Schiffe von Kairo
aus zunächst in südliche Richtung reisen.
Ich folgte dem dringenden Rat des Paschas, nicht auf eigene Faust zu
reisen, sondern unter einem von ihm veranlassten Begleitschutz. Dies
habe ich auch auf Bitten meiner Begleitung angenommen.
Was uns auf dieser uns weit überwiegend kulturell bewegenden
Abschiedsreise von Ägypten widerfuhr, ist viel zu schade, nur an
einem Abend kurz berichtet zu werden; es ist ein eigenes Buch wert.
Piet de Haan hat es wieder übernommen, meine Berichte
mitzuschreiben; diese Arbeitsteilung hat sich inzwischen bewährt.
Ich will euch heute nur ein uns menschlich besonders bewegendes
Ereignis schildern, weil es uns fast am Ende unserer abenteuerlichen
Reise, bei einem Ort mit einem ganz kurzen Namen, den ich aber nicht
mehr weiß, sehr aufregte.
Wegen der schier unmenschlich niederdrückenden Hitze segelten wir
oft erst nach Sonnenuntergang bis etwa zehn Uhr morgens und
ließen uns bei schwachem Wind rudern. Ich saß mit Mahajusha
vor mir in einer Umarmung und mit drei anderen Frauen unter dem
Leinendach; wir genossen die Abendkühle und lauschten auf die
Stimmen der Reiher und Flamingos im Bambusgebüsch; zwei
Ägypterinnen sangen leise zu einem Saitenspiel. Wir hatten Grund
dazu, uns wieder zu beruhigen, denn vor einer Stunde hatte uns sehr
gefesselt, wie zwei Krokodile sich mit kraftvollen Umdrehungen
Fleischstücke aus einem Flußpferdkadaver gerissen und dazu
lautes Kampfgefauche hervorgestoßen hatten. Die mächtigen
Tiere hatten den Fluss so aufgewühlt, dass die Wellen unser Schiff
erreichten.
Der ägyptische Steuermann unterhielt sich mit einem der Bewacher;
ich folgte unwillkürlich der Blickrichtung seines ausgestreckten
Armes, weil beide über etwas Wahrgenommenes lachten. Ich erkannte
eine Gestalt, die nicht weit von unserem Schiff wie ein Ertrinkender
mit den Armen winkte.
Als ich aufsprang und mit Gesten und Worten vom Steuermann verlangte,
dem Ertrinkenden zu Hilfe zu kommen, wehrten die beiden Männer
lachend ab; ihnen galt ein Menschenleben nichts. Ich war verzweifelt
und erkannte, dass Eile nottat. Ich streifte meine Dschalabija und
meine Sandalen ab, sprang über Bord und schwamm auf den
Ertrinkenden zu. Es schien bereits zu spät zu sein: Er war am Ende
seiner Kraft bereits in den Fluten untergegangen.
Hinter mir hörte ich Rufe und Geschrei; offenbar drehte der
Steuermann jetzt bei. Ich tauchte mehrere Male und hatte beim letzten
Mal Glück: ich fand den Ertrunkenen, er fühlte sich sehr
weich an, als ich ihn nach oben zog. Das Schiff hatte uns inzwischen
erreicht; meine Frauen zogen den Leblosen an Bord, danach auch mich.
Ich hatte es seit kurzem vermutet: es war eine unbekleidete Frau. Aber
sie atmete nicht mehr! Die Prinzessin legte sie mit dem Kopf nach unten
und zur Seite und versuchte, das geschluckte Wasser aus ihr
herauszudrücken, vergeblich.
Ich war nach einigen Minuten wieder bei Kräften und übernahm
die weiteren Versuche, indem ich abwechselnd auf ihren Brustkorb
drückte und ihr über den Mund meinen Atem einblies.
Minutenlange Versuche blieben ohne Erfolg, dann aber spie sie in hohem
Bogen Wasser aus und atmete wieder, wenn auch schwach. Alle Umstehenden
applaudierten der noch in den Decken bibbernden wiederbelebten Frau und
wir feierten ihre Wiedergeburt.
Ich vergesse wohl nie den ergreifenden kurzen Anblick, vielleicht mehr
noch die Berührung ihres leichenblassen, faszinierenden leblosen
Körpers, der in meinen Armen wunderbarerweise wieder ins Leben
zurückgekommen ist.
Dann ließ ich den Steuermann und seinen Begleiter zu mir kommen;
sie machten keinen selbstbewussten Eindruck mehr, als meine Frauen sie
beschimpften und ihre sofortige Bestrafung forderten. Nach meiner
Zustimmung fesselten meine Wächterinnen die beiden und warfen sie
angebunden trotz ihres Angstgeschreis in den Nil; sie konnten nicht
schwimmen und gerieten in Lebensangst. Genau das wollten wir erreichen,
bevor wir sie, nachdem sie den Pegel des Flusses schluckend etwas
gesenkt hatten, wieder an Bord zogen.
Nachdem wir die glücklich belebte, aber noch erschöpfte Frau,
die von meinen Frauen inzwischen angekleidet und frisiert worden war,
auf Englisch und Französisch angesprochen hatten, sagte sie
lächelnd zu mir: „Sie sind doch Deutscher, nicht wahr?“ Sie zeigte
auf das deutsche Buch auf dem Tisch und sagte dann mit noch schwacher
Stimme: „Ich bin auch eine Deutsche, ich komme aus Thüringen.“
Wir erfuhren eine anspruchsvolle und abenteuerliche Geschichte. Sie war
mit ihrem Mann und mehreren Wissenschaftlern einer archäologischen
Expedition stromabwärts gefahren. Ihre Boote waren an einem
nächtlichen Ankerplatz von Fellachen überfallen worden. Ihr
Mann hatte sich zuvor bei den Einheimischen über die Praxis des
Mumienverkaufs an europäische Interessenten erkundigt und
unklugerweise seine Missbilligung erkennen lassen.
Mir war der Hintergrund neu; ich erfuhr, dass die Fellachen
jahrzehntelang viele uralte Gräber ausgeraubt und die darin
gefundenen Mumien oder ihre Umhüllungen verkauft haben, aus einem
eigentlich vorzeigbaren Grund: Die Leichen der Verstorbenen waren
früher aufwendig mit Erdpech balsamiert worden, um sie für
die Ewigkeit zu erhalten. Auf der Suche nach Erdpech zur Herstellung
einer vielgerühmten Heilsalbe war man darauf verfallen, diese
teure Substanz kostengünstig aus balsamierten Mumien zu gewinnen.
Die Fellachen besorgten die noch gut verwertbare Masse aus den alten
Gräbern.
Bei dem nächtlichen Überfall konnte ihr Mann mit den anderen
knapp entkommen; sie aber war eine Weile entführt und dann in den
Nil geworfen worden. Näheres behielt die oft weinende Frau
für sich.
Der ägyptische Begleitoffizier riet uns, die Dame bis Kairo
mitzunehmen; er schickte dem Pascha eine Botschaft in der Erwartung
voraus, dass man die Wissenschaftlergruppe finden und benachrichtigen
könnte. Frau Spangenberg fand dies sinnvoll. Sie stammte aus
Nordhausen, also nicht weit von meinem Zuhause. Ich fragte sie
scherzhaft nach ihrer einstigen Königin Mathilde. Sie
lächelte und sagte: „Ich bin eine späte Untertanin. Mit
meinem zweiten Vornamen heiße ich nach ihr, wie viele in unserer
Stadt; außerdem kam ich an ihrem Namenstag auf die Welt. Wir sind
alle stolz auf die erste deutsche Königin.
Ich verheimliche euch absichtlich, wie unser Abschied war, auch was wir
sonst auf diesem ereignisreichen Teil unserer Nilreise erlebten, auch
wie wir uns von diesem großartigen Land schließlich
gelöst haben – und übrigens auch, unter welchen
Umständen ich nach Jahren Edith Mathilde Spangenberg durch einen
der vielen wundervollen Zufälle in meinem Leben wiedergetroffen
habe; sie meinte, mir noch nicht spürbar genug gedankt zu haben.
Das alles könnt ihr, wenn es euch neugierig macht, in unserem Buch
„Reisen mit meinen Frauen“ nachlesen, zu dem ich den Anfang Piet de
Haan schon diktiert habe.
Wir hatten in Ägypten eine märchenhafte Gastfreundschaft
erlebt und kehrten mit sehr gemischten Gefühlen nach
Konstantinopel zurück.
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