Münchhausen
Geliebt hab ich sie  fast  alle
© Willem de Haan
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Ägyptische Freuden und Plagen

In einer Nacht, diese Episode fällt mir erst jetzt wieder ein, war mein Leben in Gefahr. Zum Glück war die Syrerin Tulka in dieser Nacht bei mir, die Frau aus meinem Gefolge, die alle Bedrohungen rechtzeitig erkennen konnte. Nach ihrer mitten in einigen Damespielen herausgestoßenen Warnung konnte ich dem mehrfach bewaffneten Mordbuben, der sich auf den Balkon vor meinem Schlafraum geschlichen hatte, rechtzeitig meinen eigentlich nur als Zierde gedachten Krummdolch in den Bauch rammen. Ein Motiv seiner Absichten blieb uns dunkel – ihm ging es wohl nur um Gold und Juwelen – oder um Tulka.

Meine in diesem Fall unaufmerksamen Leibwächterinnen wurden noch in der Nacht abgelöst. Gegen den Rat eines ägyptischen Sicherheitsmannes behielt ich die Wächterinnen, verkürzte aber ihren regelmäßigen Teilaustausch und richtete mich auf verschärfte Übungen und häufigere Kontrollen ein.

Ich pries noch lange den glückhaften Zufall, dass Mahajusha für den Beginn dieser Nacht die bezaubernde Tulka ausgewählt hatte, mein Lager zu teilen. Am Abend hatten wir drei noch in übermütiger Stimmung zusammen gespeist und ich hatte sie ausnahmsweise bei mir gehalten. Tulka war eine charmante und angenehme Gesellschafterin, und nach dem lästigen Zwischenfall genoss ich ihre besonders liebe Art, mich diese Episode vergessen zu lassen.

Aus meiner detaillierten Schilderung sollt ihr nun nicht etwa schließen, dass ich die Sinne benebelnde, schwere Süße der ägyptischen Frauen nur aus den Erzählungen meiner männlichen Begleiter kannte. Aber ich empfand damals neben meinen staatlichen Aufträgen die Sorge für mein Gefolge und diese Pflicht nahm ich ernst.

Nun ja, da war die unvergessliche siebte Unterrichtsstunde mit der Ersten Bauchtänzerin Murani, eine Personifizierung der Sinnlichkeit. Ich konnte nicht vermeiden, ihren Körper zu berühren, um ihr einige Biegungen zu empfehlen. Ihre Haut, ihr weiches, feinfühlendes Fleisch reagierte auf jede Berührung, sie schmolz unversehens, vielleicht ohne ihr Dazutun, einfach dahin. Und weil wir zufällig allein waren, es war ja die Zeit, in der der Pascha daniederlag und das Hofzeremoniell nicht wie gewohnt funktionierte, konnte ich ihren Verlockungen unmöglich widerstehen.

Die märchenhafte Murani saugte mich auf und ich versank in ihr, wie in … Ich weiß nicht, wie ich euch das schildern soll, vielleicht sollte ich es auch nicht aussprechen, um mir diese kostbare Erinnerung nicht zu zerstören.

Es war mir nicht vergönnt, sie noch einmal in den Armen zu halten und es tat grausam weh, sie verführerisch tanzen zu sehen und daran zu denken, dass der Pascha das alleinige Genussrecht an dieser herrlichen Frau hatte, der ihr nach ihrem freimütigen Bekenntnis gar kein gebührender Partner mehr war.

Der Pascha war nach seiner Genesung überglücklich und bestand darauf, aller Welt und auch unserem Sultan zu erklären, dass ich wesentlich zu seinem neuen Lebensgefühl beigetragen hatte. Das Ägyptische Volk und der Kairoer Hofstaat behandelten mich und meine heilkundigen Frauen ohnehin wie erfolgreiche Wunderheiler; das nahmen wir Anfänger auf diesem Gebiet dankbar und demütig hin, denn im Orient ist das schon immer ein lohnender Beruf gewesen.

Sicher hätte ich bleiben dürfen; der Pascha hatte erwogen, den Sultan um seine Zustimmung zu bitten, aber das redete ich ihm aus. Jedenfalls war es für uns alle eine einmalig schöne Zeit. Zuletzt tat es mir fast leid, dass ich wieder nach Konstantinopel zurückkehren musste.

Als der Pascha mich nicht länger in Kairo halten konnte, gewann er mich doch für einen schönen und nahe liegenden Gedanken: Unser Abschied sollte eine Reise den Nil entlang sein – auf dem schiffbaren Teil des göttlichen Flusses und auf Kamelrücken bei den notwendigen Umwegen, um unterwegs einige der großartigsten Bauwerke Ägyptens zu sehen. Dazu mussten wir allerdings mit der bereitgestellten Flotte kleiner Schiffe von Kairo aus zunächst in südliche Richtung reisen.

Ich folgte dem dringenden Rat des Paschas, nicht auf eigene Faust zu reisen, sondern unter einem von ihm veranlassten Begleitschutz. Dies habe ich auch auf Bitten meiner Begleitung angenommen.

Was uns auf dieser uns weit überwiegend kulturell bewegenden Abschiedsreise von Ägypten widerfuhr, ist viel zu schade, nur an einem Abend kurz berichtet zu werden; es ist ein eigenes Buch wert. Piet de Haan hat es wieder übernommen, meine Berichte mitzuschreiben; diese Arbeitsteilung hat sich inzwischen bewährt.

Ich will euch heute nur ein uns menschlich besonders bewegendes Ereignis schildern, weil es uns fast am Ende unserer abenteuerlichen Reise, bei einem Ort mit einem ganz kurzen Namen, den ich aber nicht mehr weiß, sehr aufregte.

Wegen der schier unmenschlich niederdrückenden Hitze segelten wir oft erst nach Sonnenuntergang bis etwa zehn Uhr morgens und ließen uns bei schwachem Wind rudern. Ich saß mit Mahajusha vor mir in einer Umarmung und mit drei anderen Frauen unter dem Leinendach; wir genossen die Abendkühle und lauschten auf die Stimmen der Reiher und Flamingos im Bambusgebüsch; zwei Ägypterinnen sangen leise zu einem Saitenspiel. Wir hatten Grund dazu, uns wieder zu beruhigen, denn vor einer Stunde hatte uns sehr gefesselt, wie zwei Krokodile sich mit kraftvollen Umdrehungen Fleischstücke aus einem Flußpferdkadaver gerissen und dazu lautes Kampfgefauche hervorgestoßen hatten. Die mächtigen Tiere hatten den Fluss so aufgewühlt, dass die Wellen unser Schiff erreichten.

Der ägyptische Steuermann unterhielt sich mit einem der Bewacher; ich folgte unwillkürlich der Blickrichtung seines ausgestreckten Armes, weil beide über etwas Wahrgenommenes lachten. Ich erkannte eine Gestalt, die nicht weit von unserem Schiff wie ein Ertrinkender mit den Armen winkte.

Als ich aufsprang und mit Gesten und Worten vom Steuermann verlangte, dem Ertrinkenden zu Hilfe zu kommen, wehrten die beiden Männer lachend ab; ihnen galt ein Menschenleben nichts. Ich war verzweifelt und erkannte, dass Eile nottat. Ich streifte meine Dschalabija und meine Sandalen ab, sprang über Bord und schwamm auf den Ertrinkenden zu. Es schien bereits zu spät zu sein: Er war am Ende seiner Kraft bereits in den Fluten untergegangen.

Hinter mir hörte ich Rufe und Geschrei; offenbar drehte der Steuermann jetzt bei. Ich tauchte mehrere Male und hatte beim letzten Mal Glück: ich fand den Ertrunkenen, er fühlte sich sehr weich an, als ich ihn nach oben zog. Das Schiff hatte uns inzwischen erreicht; meine Frauen zogen den Leblosen an Bord, danach auch mich. Ich hatte es seit kurzem vermutet: es war eine unbekleidete Frau. Aber sie atmete nicht mehr! Die Prinzessin legte sie mit dem Kopf nach unten und zur Seite und versuchte, das geschluckte Wasser aus ihr herauszudrücken, vergeblich.
Ich war nach einigen Minuten wieder bei Kräften und übernahm die weiteren Versuche, indem ich abwechselnd auf ihren Brustkorb drückte und ihr über den Mund meinen Atem einblies. Minutenlange Versuche blieben ohne Erfolg, dann aber spie sie in hohem Bogen Wasser aus und atmete wieder, wenn auch schwach. Alle Umstehenden applaudierten der noch in den Decken bibbernden wiederbelebten Frau und wir feierten ihre Wiedergeburt.

Ich vergesse wohl nie den ergreifenden kurzen Anblick, vielleicht mehr noch die Berührung ihres leichenblassen, faszinierenden leblosen Körpers, der in meinen Armen wunderbarerweise wieder ins Leben zurückgekommen ist.

Dann ließ ich den Steuermann und seinen Begleiter zu mir kommen; sie machten keinen selbstbewussten Eindruck mehr, als meine Frauen sie beschimpften und ihre sofortige Bestrafung forderten. Nach meiner Zustimmung fesselten meine Wächterinnen die beiden und warfen sie angebunden trotz ihres Angstgeschreis in den Nil; sie konnten nicht schwimmen und gerieten in Lebensangst. Genau das wollten wir erreichen, bevor wir sie, nachdem sie den Pegel des Flusses schluckend etwas gesenkt hatten, wieder an Bord zogen.

Nachdem wir die glücklich belebte, aber noch erschöpfte Frau, die von meinen Frauen inzwischen angekleidet und frisiert worden war, auf Englisch und Französisch angesprochen hatten, sagte sie lächelnd zu mir: „Sie sind doch Deutscher, nicht wahr?“ Sie zeigte auf das deutsche Buch auf dem Tisch und sagte dann mit noch schwacher Stimme: „Ich bin auch eine Deutsche, ich komme aus Thüringen.“

Wir erfuhren eine anspruchsvolle und abenteuerliche Geschichte. Sie war mit ihrem Mann und mehreren Wissenschaftlern einer archäologischen Expedition stromabwärts gefahren. Ihre Boote waren an einem nächtlichen Ankerplatz von Fellachen überfallen worden. Ihr Mann hatte sich zuvor bei den Einheimischen über die Praxis des Mumienverkaufs an europäische Interessenten erkundigt und unklugerweise seine Missbilligung erkennen lassen.

Mir war der Hintergrund neu; ich erfuhr, dass die Fellachen jahrzehntelang viele uralte Gräber ausgeraubt und die darin gefundenen Mumien oder ihre Umhüllungen verkauft haben, aus einem eigentlich vorzeigbaren Grund: Die Leichen der Verstorbenen waren früher aufwendig mit Erdpech balsamiert worden, um sie für die Ewigkeit zu erhalten. Auf der Suche nach Erdpech zur Herstellung einer vielgerühmten Heilsalbe war man darauf verfallen, diese teure Substanz kostengünstig aus balsamierten Mumien zu gewinnen. Die Fellachen besorgten die noch gut verwertbare Masse aus den alten Gräbern.

Bei dem nächtlichen Überfall konnte ihr Mann mit den anderen knapp entkommen; sie aber war eine Weile entführt und dann in den Nil geworfen worden. Näheres behielt die oft weinende Frau für sich.

Der ägyptische Begleitoffizier riet uns, die Dame bis Kairo mitzunehmen; er schickte dem Pascha eine Botschaft in der Erwartung voraus, dass man die Wissenschaftlergruppe finden und benachrichtigen könnte. Frau Spangenberg fand dies sinnvoll. Sie stammte aus Nordhausen, also nicht weit von meinem Zuhause. Ich fragte sie scherzhaft nach ihrer einstigen Königin Mathilde. Sie lächelte und sagte: „Ich bin eine späte Untertanin. Mit meinem zweiten Vornamen heiße ich nach ihr, wie viele in unserer Stadt; außerdem kam ich an ihrem Namenstag auf die Welt. Wir sind alle stolz auf die erste deutsche Königin.

Ich verheimliche euch absichtlich, wie unser Abschied war, auch was wir sonst auf diesem ereignisreichen Teil unserer Nilreise erlebten, auch wie wir uns von diesem großartigen Land schließlich gelöst haben – und übrigens auch, unter welchen Umständen ich nach Jahren Edith Mathilde Spangenberg durch einen der vielen wundervollen Zufälle in meinem Leben wiedergetroffen habe; sie meinte, mir noch nicht spürbar genug gedankt zu haben. Das alles könnt ihr, wenn es euch neugierig macht, in unserem Buch „Reisen mit meinen Frauen“ nachlesen, zu dem ich den Anfang Piet de Haan schon diktiert habe.

Wir hatten in Ägypten eine märchenhafte Gastfreundschaft erlebt und kehrten mit sehr gemischten Gefühlen nach Konstantinopel zurück.

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Inhalt

Am Beginn unserer Bekanntschaft
Aufbruch
Das will ich vorausschicken
Lernstunden der Liebe
Frühlingsfische
Spätes, erfreuliches Wiedersehen
Waldfee? Teufelsweib? Hexe?
Mein anderer Franziskus
Die Eroberung einer Burgherrin
Meine Reise nach Russland

Riskante Rast im Schnee
Dreiundzwanzig liebeshungrige Frauen
Hochzeitsgast in einem russischen Dorf
Endlich in St. Petersburg
Der Zarin zu Füßen
Bei Hofe knistert überall Erotik
Russische und indische Liebeskünste
Allerhöchste Schokoladengelüste
Im Hintergrund des Machtzentrums
Kaiserliche Gewinnspiele

Vertrauter und künstlerischer Berater
Wir brauchen eine Bühne und Verkleidungen
Auch ein Starker braucht Bestärkung
Un(frei)williger Kriegsheld
Tatarenleidenschaft
Beim Sultan in Konstantinopel
Ein türkisches Muss: Ein Harem für mich
Ich lebe gern mit vielen Frauen
Jeder Alltag war ein Festtag
Die Flöte des Pan

Gewöhnungsbedürftiges
Für manches weiß ich eine Lösung
Kulturaustausch mit dem Reich der Pharaonen
Im Palast des Paschas
Ägyptische Freuden und Plagen
In goldenen Käfigen
Delfine zogen mich nach Griechenland
Stille Zeit und alte Bräuche
Begegnung mit überirdischer Schönheit
In die Welt hinausgeschleudert

In weiblicher Gefangenschaft
Strafverschärfung: Lieblingsgefangener
Schöpferisches Handeln hält hellwach
Undankbare Flucht
Mediterranes Zwischenspiel
Ich erforschte den falschen Vulkan
Verblendeter und sofort bestrafter Eifer
Verlust der Erdenschwere
Auf einem andern Stern
Die Muse des Gesanges

Befreiung durch Naturgesetze
Archäologen wurden Zeugen
Eingewöhnung in irdisches Leben
Jagdverhinderung in Bayern
Im schottischen Hochmoor
Frühstück für Nessie
Eisbären sind musikalisch und tanzfreudig
Unerwartete Freuden in Polarnächten
Tigerjagd in Bengalen
Literatur als Überlebenshilfe

Nächtlicher Kampf mit Berglöwen
Liebe macht manchmal erfinderisch
Dichtertreffen
Der König mit dem Knall
Delikate Mission: Königlicher Vorkoster
…und her wider unz an Ungerland
Heilige in der Kirche, Dame im Salon und im Bett eine…
Dagmars unwiderstehliche Strategie
Mit Wanda und Ewa im Schnee
Ein erotisches Krisen-Komitee

Königlich-Niederländisches Liebesnest
Tarantella tanzen in Tarent
Irgendwo in der Südsee
Lernbereite Kannibalenkinder
Seminare unter Palmen
Manchmal hilft uns auch ein Schurke
Das Geschenk des Zauberers
An Bord eines Seeteufels
Von Bremen aus heimwärts
Hexenwerke im Harz?

Auch hierzulande gibt es Reise- Erschwernisse
Im heiligen Köln
Säulenheilige am Dom
Liebesarien
Ein Abend mit lauter Fragen
Was soll ich in Amerika?
Wiedersehen mit Mahajusha
Im Wein wird doch Wahrheit sein?
Mahajusha schenkt mir Flügel
Tiefschläge aus heiterem Himmel

Nachwort
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